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Das II. Vatikanische Konzil und der moderne Katholizismus
Als Papst Johannes XXIII die Entscheidung bekannt gab, ein allgemeines Konzil der katholischen Kirche einzuberufen, hielten ihn viele für verrückt. Der Papst wollte alle Bischöfe der Kirche zusammenrufen, um die Kirche auf den neusten Stand zu bringen. Die Substanz des überlieferten Glaubens sei unwandelbar, so argumentierte er, doch die Form der Darstellung sei eine andere Sache.
 
Papst Johannes hatte ein großes Bedürfnis, die Beziehungen der katholischen Kirche nicht nur zu den anderen christlichen Kirchen, sondern zu den Religionen insgesammt zu verbessern. Er drängte die Teilnehmer des Konzils, nicht das Trennende zu suchen, sondern das Verbindende. Nach weitreichenden Konsultationen und Vorbereitungen trafen sich etwa 3000 katholische Bischöfe im Jahr 1962 in Rom. Das Konzil sollte drei Jahre dauern.
 
Das Konzil verkündete, die Hoffnungen und Freuden, die Ängste und Sorgen der Welt seien auch jene der Kirche. Diese wolle das Evangelium von Jesus Christus der ganzen Welt bekannt machen. Dabei wurden Positionen der Kirche in Bezug auf ihr Selbstverständnis, das jüdische Volk, moderne Technologie, Bildung, Krieg und Frieden, Atheismus und Klerus neu bestimmt. Insbesondere wurde auch das Verhältnis des Katholizismus zu den protestantischen Kirchen und zur säkularisierten Welt neu definiert. Die katholische Kirche wurde aufgerufen, mit allen Menschen zusammenzuarbeiten, um eine menschlichere Welt zu schaffen. Die Religionsfreiheit wurde allen Menschen zugestanden, auch nicht-Katholiken.
 
Johannes Paul XXIII erlebte das Ende des Konzils nicht mehr. Er starb 1963 nach schmerzhaftem Kampf mit dem Krebs. Die Bischöfe und sein Nachfolger Paul VI, ursprünglich Cardinal Montini, der Erzbischof von Mailand, waren über viele Fragen tief gespalten. Einige wollten klare Veränderungen, andere gar keinen Wandel. Dabei erwiesen sich Fragen der Liturgie als die Schwierigsten unter den diskutierten Punkten.
 
Das zweite vatikanische Konzil wird oft als Meilenstein und Wasserscheide für die Geschichte der katholischen Kirche angesehen. Nach Jahren des Hin und Her um seine Ergebnisse werden diese heute in großen Teilen der katholischen Kirche akzeptiert und die Päpste Paul VI und Johannes Paul II. (ab 1978) ermutigten die Kooperation mit den anderen christlichen Kirchen, wenn er auch manchen Hoffnungen auf Einheit einen Dämpfer versetzte. Die evangelischen Christen wurden hier als "getrennte Brüder" bezeichnet und als solche angenommen und nicht mehr verdammt.
 
Im Jahr 1967 griff Johannes Paul II. weitere Fragen der modernen Welt auf in seinem enzyklischen Brief über Menschenrechte und die Bedürfnisse der Armen. Ein Jahr später folgte eine Enzyklika über den Wert des menschlichen Lebens (Humanae Vitae). Die positiven Lehren zum Leben und der Ehe wurden hier in ihrer Wahrnehmung überschattet durch die Position zur Empfängnisverhütung. Der Papst verdammte alle künstlichen Formen der Empfängnisverhütung und provozierte so eine Kriese in der Kirche. Viele Katholiken wollten sich dieser Lehre nicht anschließen. Johannes Paul II. stellte sich hier und in weiteren Fragen hinter den traditionellen katholischen Glauben, auch wenn Teile Europas ihn ablehnten. Er wandte sich gegen den modernen Materialismus, den er eine "Kultur des Todes" nannte und sprach über die Vision einer neuen Kultur, die auf der Achtung des Lebens und der Liebe zu den Armen und Bedürftigen beruhte.
 
Im Jahr 1965 trafen sich Papst Paul VI und Patriarch Athenagoras der griechisch-orthodoxen Kirche. In einer gemeinsamen Deklaration bedauerten sie die "schrecklichen Ereignisse", die zur Trennung der Kirchen 1054 geführt hatten. "Der Tag wird kommen", sagte Papst Paul, "wenn alle Christen aus demselben Gefäß trinken werden." Weitere Veränderungen betrafen die Feier der heiligen Messe. Diese durfte von nun an in den lokalen Sprachen der Völker gefeiert werden, nicht mehr nur in Latein. Gleichzeitig stellte die Kirche klar, daß es ihr nicht um Aufgabe ihres ureigensten Anliegens ging: das Evangelium von Jesus in die Herzen und Leben der Menschen zu bringen. In der Konstitution des zweiten Vatikanischen Konzils heißt es: "Einer der größten Fehler unserer Zeit ist die Spaltung zwischen dem Glauben, den viele bekennen, und der Praxis ihres täglichen Lebens".
 
Roland Potthast für das Evangeliumsnetz. [Feedback per Email]



 

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