Ist ein stilles Leben ein "ehrbares" Leben?

Und setzt eure Ehre darein, dass ihr ein stilles Leben führt und das
Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, wie wir euch
geboten haben, damit ihr ehrbar lebt vor denen, die draußen sind,
und auf niemanden angewiesen seid.

1. Thessalonicher 4, Verse 11 und 12



An diesen Versen bin ich hängengeblieben. Deshalb weil sie nicht mehr
in unsere Zeit zu passen scheinen. Hört sich das nicht nach Spießertum
an, wo pflegeleichte, angepasste Untertanen, nach der Parole "Ruhe ist
erste Bürgerpflicht" still, langweilig und moralinsauer vor sich hin leben
und dabei nichts anderes als ihre Arbeit kennen?

Wer die Verse nur so verstehen kann, hat nichts verstanden.

Auch wenn der Begriff "ehrbar" etwas antiquiert wirken mag, ist er es
schon deshalb nicht, weil jeder auf eine Ehrverletzung sehr empfindlich
reagiert. Man denke an "Beleidigung", "üble Nachrede" usw. Anstelle von
"ehrbar" sagt man heute "ehrlich, zuverlässig, vertrauenswürdig, seriös".

Stilles Leben heißt nicht "angepasster Untertan", sondern dass man sich
z.B. nicht an Ausschweifungen oder Randalen beteiligt, nicht aufwiegelt
und aufhetzt, sondern besonnen bleibt, überlegt agiert, zur Besonnenheit
mahnt aber in aller Ruhe sagt, was gesagt werden muss.

Zum "stillen Leben" gehört auch, zuerst vor der eigenen Türe zu kehren.
Den Balken im eigenen Auge zu sehen und sich nicht in die Belange an-
derer einzumischen, wodurch es zu Streit und Zank kommt.

Ehrbar leben heißt auch, nicht auf Kosten anderer zu leben, sondern sich
seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Wir haben heute gute soziale
Absicherungen, die ihre Berechtigung haben und Not lindern können. Es
soll deshalb nichts über Menschen gesagt werden, die aus einer Notlage
heraus auf solche Sicherungen angewiesen sind.

Wenig ehrbar ist es aber, die Sozialsysteme in betrügerischer Weise aus-
nutzen, obwohl es auch anders ginge.

Wir sollen danach streben von möglichst niemanden abhängig zu sein,
weil das unfrei macht.

Durch ein solches Leben soll den Außenstehenden, also denen, die keine
Christen sind, deutlich werden, dass die Christen anständige und ehrliche
Menschen sind, denen man vertrauen kann.

Und das ist keine Theorie. Obwohl Friedrich II von Preußen, auch "der Große"
genannt, nicht unbedingt ein Christ war, setzte er doch gern Christen in
Ämter ein, weil er wusste, dass es sich hier um zuverlässige Leute handelt.

Und aus meinem Umfeld ist mir bekannt, dass bei der Wahl zu einem
Vorsitzenden, die Tatsache eine Rolle spielte, dass der Kandidat Christ ist,
weil man ihn deshalb für besonders vertrauenswürdig hielt.

Auch wenn Tricksen und Betrügen in unserer Zeit als Ideal hingestellt werden,
was als "Cleverness" bezeichnet wird, möchte doch niemand, sofern es ihn
selbst betrifft, über den Tisch gezogen werden, und deshalb sollten wir es
als Christen auch anderen gegenüber nicht tun.

Die heutigen Verse sind also alles andere als antiquiert


Jörgen Bauer