Was ich nicht sehe, das gibt es nicht

Was ich nicht sehe, das gibt es nicht

Am Grunde eines Teichs im Sumpf,
zwischen Algen und Wassergrün,
da saß vor seinem Haus ein Mumpf
und mumpfte so vor sich hin.
Eine Mümpf, die ihres Weges kroch,
blieb atemlos bei ihm stehn
und keuchte: "Ach, Mumpf, so denk dir doch,
ich habe einen Menschen gesehen!
Einen richten Menschen mit Arm und Bein
und einem schönen Gesicht!"
Da knurrte der Mumpf: Lass die Kinderei'n,
denn Menschen gibt es doch nicht.
Es ist längst bewiesen, dass außer dem Teich
ein Leben nicht möglich wär.
Und Menschen, die sind - entschuldige nur gleich -
doch bloß eine Kindermär!
Drum wende dich lieber der Wirklichkeit zu:
Unserm nahrhaften Schlick und Schleim.
Und vor allem sag mir, wie findest du
mein neues, prächtiges Heim?"
"Ach, Mumpf, lass dein dummes Geschniefel!
Worin du da wohnst, dein neues Haus
ist ein alter Kinderstiefel!"



Manche Menschen sagen nach diesem Gedicht:
"Ach was, einen Mumpf - den gibt es doch nicht!"

(Aus: Michael Ende, Das Schnurpsenbuch, 1969 Thienemanns Verlag, Stuttgart)