Das Brot

Das Brot

Die Liebe zwischen einem Mann und seiner Frau ist längst an den toten Punkt gekommen. Seitdem er nichts mehr verdient und sie nichts mehr zu essen hat, ist das vollends der Fall.
Leer und hungrig sind sie. Ewig hungrig sitzen sie sich, wenn er abends heimkommt, gegenüber. Und er sagt: "Gib Brot", sie: "Gib Geld".
Sie denkt, wenn er doch endlich ginge. Aber er geht nicht. Er geht auch an dem Abend nicht, als sie ihn anschreit, dass er nichts tauge.
Er geht in die Küche und sie meint, er esse das letzte Stück Brot.
Als sie in die Küche kommt und triumphierend "Hat es dir geschmeckt?" sagt, liegt das Brot noch da, ist in Streifen geschnitten und schön hergerichtet. Das ist für sie so gewaltsam und plötzlich, so wie ein Blitz einen Nachthimmel zerreißt oder wie die Sonne durch eine Finsternis plötzlich Licht sieht.
"Komm, du musst etwas essen", sagt er. "Ich habe keinen Hunger mehr, ich werde nie mehr Hunger haben", erwidert sie und schiebt ihm den Kanten hin.
Sie sehen sich an und stehen eine Weile regungslos gegenüber. Sie starren sich in die Gesichter, wie Schiffbrüchige nach ihrer Rettung die Sonne anstarren, die Erde und den fernen Himmel.
Und sie beginnen zu verstehen. Sie sieht dann, wer er das Brot bricht. Sie sieht, wie er den halben Kanten in den Mund schiebt. Sie nimmt den anderen Kanten und ißt und lächelt wieder.

(F. A. Kloth)