Kirche unter Denkmalschutz

Kirche unter Denkmalschutz

Der erste Bote, den der Himmel in die Stadt sandte, taugte wirklich nicht viel:
Er verhaspelte sich beim Reden, stotterte seine Botschaft daher, aber so ohne Feuer, dass sich die Leute bereits beim dritten Satz zu langweilen begannen und immer lauter sprachen. Erst als der Bote plötzlich verschwand, kamen sie zur Besinnung, und es wurde ihnen bang. Zur Sicherheit stellten sie eine Säule auf dem Marktplatz auf, dem Himmel zu Ehren.

Aber o Wunder, der Himmel schleuderte keine Racheblitze, sondern im Gegenteil, wenig später trat der zweite Bote auf, der zunächst mindestens einen besseren Eindruck machte. Er sprach feurig, fesselnd, verwarf die Hände, rollte mit den Augen. Aber dann wurde es doch zu viel, er predigte ohne Schonung, und überhaupt, was er sagte, war viel zu wahr.
Aufhören, schrie der erste, her mit den Tomate, der zweite, da hast du, der dritte, und sie begannen, den Boten zu bewerfen, bis er verschwunden war.
Und wieder wurde den Bewohnern bang. Sie stellten weitere Säulen auf, deckten sie mit einem Dach und hatten so bereits ein Haus, dem Himmel zu Ehren.

Da war schon der dritte Bote vor der Türe. Der sprach noch besser als der zweite, heilte sogar Kranke, unterhielt die Kinder, tröstete die Alten, und alles schien bestens - bis auch er es nicht lassen konnte und auch zu predigen begann.
Er sprach davon, warum es so viele Kranke gebe, warum die Kinder soviel Angst hätten und die Alten so einsam seien. Er sprach nicht sehr laut, auch nicht sehr feurig, aber es war so wahr, wie wenn er jedem ins Herz sehen könnte. - Es war so wahr, dass es einfach unerträglich wurde.
Da griffen sie nicht mehr nach Tomaten, sondern nach Steinen und Balken... Da war auch er aus ihrer Mitte entfernt. Und zum dritten Mal kamen sie zu Besinnung.
Sie stellten weitere Säulen auf, machten das Haus zu Ehren des Himmels noch größer, schmückten es über und über mit Bildern, Kreuzen und Kerzen.

Und dann fragten sie sich: Wen wird der Himmel jetzt noch schicken? Größer bauen können wir nicht.
Und das stimmte auch. Das Haus war jetzt schon fast zu groß, musste ständig repariert werden. Und die Unterhaltskosten gingen bereits über ihre Kräfte. Da beschlossen sie, das Haus des Himmels unter Denkmalschutz zu stellen. Druckten Plakate, schauten, dass Fremde mit Autobussen hergefahren wurden, kassierten Eintrittsgeld und hatten endlich genügend Mittel, ihr Haus instandzuhalten.

Einen vierten Boten allerdings hat keiner mehr gesehen. Ist er nicht gekommen? Oder hat ihn keiner bemerkt? Mag sein, dass er das Geld für den Eintritt nicht bei sich hatte.


(Aus: Josef Osterwalder, Von Senf- und Samenkörnern. 25 fast biblische Gschichten, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1977, S. 30 f.)