Begegnung mit einem Leidenden

Begegnung mit einem Leidenden

Herr, reinige und heilige mich,
bevor ich dem leidenden Menschen begegne,
damit ich den Glanz nicht nicht zerstöre,
mit dem du ihn durch deine Nähe umgeben hast.

Bewahre mich davor,
durch mangelnde Sorgfalt,
durch Dummheit, durch unbedachte Rede,
durch Ungeduld oder Oberflächlichkeit
an ihm schuldig zu werden.
Der leidende Mitmensch
steht unter deinem ganz persönlichen Schutz,
und du bist sein Anwalt.

Lass mich den,
mit dem du Geduld übst,
nicht durch meine Ungeduld anfechten.

Lass mich den,
der schwach ist,
nicht mit meiner Stärke beleidigen.

Lass mich den,
dem du deine Herrlichkeit zeigen willst,
nicht aufhalten mit dem,
was für ihn viel zu billig ist.

Ehe ich den Leidenden in Frage stelle,
will ich mich selber
der schärfsten Kritik unterziehen.

Ehe ich ihm einmal
meine Ansichten und Einsichten aufnötige,
will ich hundertmal hinhören,
was du mir durch in andeuten willst.

Herr, wenn ich zum Leidenden trete,
trete ich zu dir.
Lass mich dessen immer neu bewusst werden
und die Anweisungen entgegennehmen:
"Leg deine Schuhe ab,
denn der Ort, wo du stehst,
ist heiliger Boden."

Danke, dass du uns überhaupt mitnimmst
auf deinem Weg zu dem Leidenden.
Denn hier allein können wir
Hoffende und Liebende werden.
Unser Leben würde bald in Eiskälte,
Gleichgültigkeit und Ichhaftigkeit erstarren,
wenn wir die vom Elend Betroffenen
nicht unter uns hätten
und wenn du uns in dieser kalten Welt
nicht durch sie segnen würdest.

(Walter Weyrich)