Dr. Martin Luther: Christlicher Wegweiser für jeden Tag

Abraham ward nicht schwach im Glauben, sah auch nicht an seinen eigenen Leib, welcher schon gestorben war, weil er fast hundertjährig war, auch nicht den erstorbenen Leib der Sara.
Römer 4, 19


Also hat Abraham seine Vernunft gefangen genommen und getötet, da er Gottes Wort glaubte, darin ihm verheißen ward, daß ihm Gott von seinem unfruchtbaren, erstorbenen Weibe, der Sara, einen Samen geben wollte. Denn solchem Worte der Verheißung tat gewisslich der Vernunft des Abraham nicht alsbald zu gefallen, sondern sie hat sich wider den Glauben gesträubt und es für närrisch, ungereimt und unmöglich Ding gehalten, daß Sara sollte einen Sohn gebären. Darum ist kein Zweifel, es haben sich Glaube und Vernunft in Abrahams Herzen über diese Sache weidlich überworfen und wohl aufeinander gerannt; doch hat endlich der Glaube obgelegen und den Sieg behalten und diesen allergrausamsten und schädlichsten Feind Gottes, die Vernunft, überwunden und erwürgt. Also tun auch alle andern gläubigen Menschen, so mit Abraham in das Dunkel und verborgene Finsternis des Glaubens eingehen, erwürgen die Vernunft und sagen: Hörst du wohl, Vernunft, eine tolle, blinde Närrin bist du, verstehst von Gottes Sachen kein Spürlein nicht; darum mache mir nicht viel Possen mit deinem Widerbellen, sondern halte dein Maul und schweig; untersteh dich nicht, über Gottes Wort Richterin zu sein, sondern setze dich, höre, was dir dasselbige sage, und glaube ihm.