Gottes andere Maßstäbe

Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung. Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme.

1. Korinther 1, Verse 26-29



"Alles strebt zum Abitur", las ich dieser Tage, wobei die Eltern oftmals
ehrgeiziger als ihre Kinder sind, weil sie diesen unbedingt eine großartige
berufliche Karriere ermöglichen wollen. Und wenn es nicht anders geht,
wird der Wechsel in die Oberschule erzwungen, weil viele Eltern dazu neigen, ihre Kinder als hochbegabt und besonders talentiert anzusehen.

Verständnisvolle Lehrer erklären dann, dass es bei ihnen keine schlechten
Noten gibt, und da wird dann auch ein bisschen nachgeholfen und frisiert,
damit auch die Schule selbst als gut und erfolgreich dasteht und den Vergleich
mit anderen Schulen nicht fürchten muss.

Aber solcherart Tricksereien bleiben nicht folgenlos. Viele sind den neuen
Anforderungen nicht gewachsen oder sind später nicht in der Lage den
Anforderungen eines Studiums gewachsen zu sein.

Doktortitel, für viele ein erstrebenswerter Namenszusatz, sind dabei auch etwas ins Gerede gekommen. Ein Doktor sagte einmal zu mir: "Ach lassen Sie das mit dem Doktor, das ist doch der zweithäufigste deutsche Vorname".

Es mag ja sein, dass so ein Titel zwischenzeitlich etwas "inflationär" geworden ist, aber viele legen allergrößten Wert darauf als Doktor angesprochen zu werden und wem Ehre gebührt, dem soll sie auch erwiesen werden, zumal es mit viel Mühe und Arbeit verbunden ist, einen solchen Titel zu erlangen.

Das Wort Gottes macht uns heute mit einem ganz anderen Wertesystem
vertraut.

Als ich die heutigen Verse zum ersten Mal las, war ich höchst erstaunt.

Sollte es tatsächlich so sein, dass Gott die Dummlinge, Schwächlinge, Hungerleider und Doofen erwählt hat, um den Klugen, Intelligenten und Leistungsträger, in einer Art "ausgleichender Gerechtigkeit, eins auzuwischen"?

Wer die heutigen Verse in einem so simplifizierten Sinn versteht, hat sie gründlich missverstanden. Das schon deshalb weil Klugheit, Kraft und
Intelligenz Gottesgaben sind, für die man dankbar sein darf. Es kommt allerdings darauf an, in welchem Verhältnis man zu diesen Gaben steht.

Es geht also nicht darum, dass derjenige, der oben ist, nur deshalb, weil er oben ist, zuschanden gemacht wird und derjenige der niedrig ist, nur deshalb weil er niedrig ist, von Gott erwählt ist - sondern es geht darum die Prioritäten
richtig zu setzen.

Die Mächtigen und Angesehenen, die sich etwas auf ihre Fähigkeiten, ihr Wissen und Können einbilden und meinen sich das alles selbst zu verdanken, werden zuschanden, wenn sie Gott leugen, sich für klüger halten, und vergessen haben, dass ihnen das alles von Gott geschenkt wurde.

Im Alltag erleben wird das bis heute, dass sich die Weltweisen klug dünken und, unter Hinweis auf ihr Wissen und ihre Bildung, auf die Christen als die "Dummen und Einfältigen" herabsehen. Die Weltklugen gehen am Ende leer aus, weil sie in ihrer beengten Sichtweise, mit der sie nicht mit Gott rechnen, auf die falsche Karte gesetzt haben.

Die Weltweisen würden nicht zuschanden, wenn sie ihre Grenzen sähen, umkehrten und Gott die Ehre gäben. Und hier ist es immer ermutigend, wenn man erlebt, dass es auch viele Mächtige und Angesehene gibt, die um ihre
Grenzen wissen und sich vor Gott beugen. Paulus schreibt lediglich, dass es ihrer nicht viele sind, die Gott die Ehre geben. Es gibt sie aber doch, die sich damit als wirklich klug erweisen.

Der einfache Christ, der nicht zu den Mächtigen und Großen, sondern zu den "Normalos" gehört, wird von Gott erwählt, wenn er sich, um seine Begrenztheit wissend, zu Gott und seinem Wort hält. Er vertraut Gott und seinem Wort mehr, als aller menschlichen Weisheit und Erkenntnis. Als "Geringem" fällt ihm das möglicherweise leichter, weil er nicht den Versuchungen, die von Macht, Weisheit und Erkenntnis ausgehen, ausgesetzt ist.

Der "Geringe" ist so der wahre Gewinner, auch wenn diejenigen, die sich für klug und überlegen halten, auf ihn herabsehen. Aber auch der Einfache und Geringe würde zuschanden und alles verlieren, wenn er von Gott und dem Glauben abfallen würde.

Das ist ein Grundthema, das in der Bibel immer wieder anklingt.

Um es mit einem Satz zu sagen:

Wenn wir den Glauben, wenn wir Jesus Christus an die erste Stelle setzen,
dann bekommen alle anderen Dinge, die für uns auch wichtig sind, genau
den Stellenwert, der ihnen zukommt.


Jörgen Bauer