Scheinbare Widersprüche auflösen!

Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so mag er bitten und Gott wird ihm das Leben geben - denen, die nicht sündigen zum Tode. Es gibt aber eine Sünde zum Tode, bei der sage ich nicht, dass jemand bitten soll. Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; aber es gibt Sünde nicht zum Tode.
Wir wissen, dass, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht, sondern wer von Gott geboren ist, den bewahrt er, und der Böse tastet ihn nicht an.

1. Johannes 5, Verse 16 bis 18



Ja, wie nun? Wie ist das jetzt mit der Sünde? Wird Sünde nun vergeben oder
nicht?

Der heutige Text mutet merkwürdig und zutiefst widersprüchlich an und gibt
damit ausreichend Anschauungsmaterial für Lästerer, die behaupten, dass sich die Bibel ständig widerspricht und deshalb unglaubwürdig ist.

Weil das so ist, sind es gerade solche Texte, die mich besonders interessieiren.

Dies deshalb, weil sich das Wort Gottes tatsächlich nirgendwo widerspricht, sondern wir es allenfalls falsch verstehen, weshalb es uns widersprüchlich scheint.

Und da möchte ich wissen, woran es liegt, dass ein Text falsch verstanden wird, denn immerhin müssen die "Widersprüche" auch dem jeweiligen Schreiber, hier dem Johannes, aufgefallen sein.

Vorab soviel: Auch moderne Texte und Briefe enthalten für den
unkundigen Leser oftmals unüberbrückbare Widersprüche, die sich aber sofort auflösen, sobald er die notwendigen Hintergrundinformation bekommt.
Deshalb sollten wir uns, wenn wir etwas schreiben, immer in die Lage des Empfängers versetzen.

Beim Schreiben seines Briefes konnte Johannes davon ausgehen, dass die Empfänger wussten, was jeweils gemeint ist und um was es dabei geht.

Spätere Generationen hatten mir dem heutigen Text Probleme, was dann
unter anderem dazu führte, dass "Todsünden" und "lässliche Sünden" aufgelistet wurden und dass manche glaubten als Christen "sündlos" zu sein.

Da sich die Schrift selbst auslegt und Johannes nicht schreibt, was Sünden
zum Tode sind, will ich es nun mit einer Antwort versuchen.

Zuerst einmal sind alle Ungerechtigkeiten Sünde, wie Johannes schreibt. Sünde bleibt so, unterschiedslos, immer Sünde und trennt von Gott, wobei nicht zwischen leichten und schweren Sünden unterschieden werden kann.

Allerdings kann es Sünden geben, die eine endgültige Trennung von Gott
bewirken. Das könnte dann der Fall sein, wenn ein wiedergeborener Christ, der voll im Glaubensleben steht, plötzlich "feststellt", dass der Glaube an Jesus
Christus, eigentlich "der größte Blödsinn und Schwachsinn ist", weshalb er sich
völlig von Jesus lossagt und sich in die Reihen seiner Gegner eingliedert
(Siehe hierzu die Aussagen im Hebräerbrief, 10,26 ff.).
Das alles hat es schon gegeben!

Hier sagt Johannes nicht, dass wir für einen solchen Menschen bitten sollen.
Man sollte dazu vielleicht sagen, dass das Urteil, ob eine Todsünde vorliegt,
allein Gott zusteht. Wir können nie sagen, wie schlimm es wirklich um einen
Menschen steht und ob Gott nochmal Gelegenheit zur Buße gibt. Judas fand keinen Raum zur Buße.

Im Übrigen dürfen wir für die Sünder bitten, wie Johannes in Vers 16 schreibt.

Auch wer in Christus ist, ist nicht vollkommen und lebt deshalb ständig aus
der Vergebung, weil er immer wieder gegen Gottes Ordnungen verstößt.
Wer in Christus ist, hat aber das ewige Leben und unterliegt daher nicht
mehr den Folgen der Ur- oder Erbsünde. Von daher sündigt er nicht, und
Gott bewahrt ihn vor den listigen Anschlägen des Satans.

Es kommt also auch beim heutigen Text darauf an, auf der richtigen Seite
zu stehen und auf dieser zu verbleiben.


Jörgen Bauer