Was war das für ein Fest?

Was war das für ein Fest?


Ein kleiner Junge fand in einer alten Schachtel unter allerlei Kram einen silbernen Stern. 
"Was ist das, Mutter?" "Es ist ein Weihnachtsstern!" - "Ein was?" fragte das Kinde. "Etwas von früher, von einem Fest." "Was war das für ein Fest?" wollte der kleine Junge wissen.
"Ein langweiliges", sagte die Mutter schnell, "die ganze Familie stand um einen Bum herum und sag Lieder - oder die Lieder kamen aus dem Fernseher."
"Wieso um einen Baum?" fragte der kleine Junge, "der wächst doch nicht im Zimmer!" - "Es war eine Tanne, die man mit brennenden Lichtern und bunten Kugeln behing. Und an der Spitze des Baumes befestigte man den Stern. Er sollte an den Stern erinnern, dem die Hirten und andere Leute nachgegangen sind, bis sie den kleinen Jesus in der Krippe fanden!"
"Wer soll denn das nun wieder sein, der kleine Jesus?" sagte das Kind aufgebracht. "Das erzähle ich dir ein anderes mal." Die Mutter konnte sich nämlich nicht mehr so genau erinnern. 

"Das muss ein schönes Fest gewesen sein", sagte der Junge nach einer Weile und dachte an den Baum mit den brennenden Lichtern. "Nein", sagte die Mutter heftig, "es war langweilig. Alle hatten Angst davor und waren froh, wenn es vorüber war." Und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers und gab ihrem Sohn den Stern in die Hand. "Sieh einmal", sagte sie, "wie alt er schon ist, wie unansehnlich und vergilbt. Du darfst ihn hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst."
Und das Kind warf den Stern in die Röhre und lachte, als er verschwand. Die Mutter ging zur Tür, weil es geklingelt hatte. Als sie wiederkam, da stand das Kind immer noch über den Müllschlucker gebeugt. "Ich sehe ihn immer noch", flüsterte er, "er glitzert, er ist immer noch da."


(Quelle: Nach einer Geschichte von M.L. Kaschnitz, in: Angebote für die Praxis, Düsseldorf 1975, S.56, gekürzt)