Dr. Martin Luther: Christlicher Wegweiser für jeden Tag

Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.
2. Kor. 5, 21


Was eure Seele macht, möchte ich gern wissen, ob sie endlich einmal der eigenen Gerechtigkeit überdrüssig worden und sich nach der Gerechtigkeit Jesu Christi sehnen wollte. Es verstehen es heutzutage viele und die am meisten, die aus; allen Kräften gerecht und fromm sein wollen, wissen aber nichts von der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt und uns in Christo so reichlich geschenkt ist, suchen vielmehr bei sich so lange Gutes zu wirken, bis sie meinen, mit Verdienst und Tugend vor Gott zu bestehen, was doch ganz unmöglich ist. Ihr seid seither in der Meinung und Irrtum gestanden, ich auch; ja, noch jetzt streite ich wider den Irrtum und bin noch nicht völlig Herr. Darum lernet Christum den Gekreuzigten kennen, lernet an euch selbst verzagen und sagen: Herr Jesu, du bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde. Hütet euch, so rein zu sein, daß ihr keine Sünder mehr sein wollet. Christus wohnt sonst nirgends als bei Sündern. Darum ist er vom Himmel kommen, allwo er unter Gerechten wohnte, daß er auch unter Sündern wohnen möchte. Diese Liebe betrachtet, so werdet ihr den süßesten Trost und Frieden eurer Seele genießen.