Orientierung ist heute knapp. Stimmen sind laut, Meinungen schnell, Überzeugungen wirken klar – und doch bleibt oft ein ungutes Gefühl zurück. Vieles klingt überzeugend. Weniges trägt wirklich. Genau deshalb brauchen wir mehr als Bauchgefühl. Wir brauchen Maßstäbe.
Stell dir vor, du bekommst einen Apfel, der außen schön rot glänzt. Verführerisch und perfekt. Genauso, wie du ihn dir schon immer gewünscht hast. Aber beim Reinbeißen merkst du, er ist innen faul. Ein Gefühl der Enttäuschung macht sich breit.
Ähnlich ist es manchmal mit Menschen, Ideen oder Überzeugungen. Sie klingen gut, sehen gut aus, treten selbstbewusst auf – aber das, was sie auslösen, ist zerstörerisch. Angst statt Freiheit, Druck statt Hoffnung, Spaltung statt Leben.
Jesus greift genau dieses Problem auf und gibt eine überraschend einfache Orientierung. In der Bergpredigt sagt er: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Matthäus 7, 16). Er meint damit: Schau nicht zuerst auf den äußeren Glanz, nicht nur auf Worte oder Wirkung nach außen, sondern auf das, was tatsächlich entsteht. Was wächst daraus? Was bleibt zurück? Die Antwort auf diese Fragen schafft Orientierung.
Das klingt leicht. Und ist doch schwer, sobald wir selbst betroffen sind. Nähe, Sympathie oder eigene Wünsche können den Blick trüben. Umso wichtiger ist es, sich an wenigen, klaren Orientierungshilfen festzuhalten, die tragen – gerade in einer lauten Welt. Deshalb ist dieser Satz Jesu bis heute ein wichtiger Maßstab für Orientierung – in einer Zeit, in der immer weniger eindeutig ist, wem oder was man noch vertrauen kann.
Orientierung an den Früchten
Genauer gesagt, Jesus warnt vor falschen Propheten – also Menschen, die behaupten, im Namen Gottes zu sprechen oder „christliche Werte“ zu vertreten. Nach außen wirken sie fromm oder moralisch richtig. Sie bedienen unsere Gefühle, um unsere Zustimmung zu bekommen. Doch das, was sie an Nebenwirkungen mitbringen, passt nicht in unser christliches, auf Aussagen der Bibel basierendes Wertebild. Deshalb spricht Jesus vom Wolf im Schafspelz oder in Schafskleider und meint damit, dass Schein trügt und vom Inneren Gefahr und Zerstörung ausgehen.
Dieses äußerlich Fromme oder Gute kann dabei sehr unterschiedlich auftreten. Manchmal christlich korrekt, bibelfest, moralisch empört oder scheinbar besonders konsequent. Verführung geschieht hier nicht plump, sondern oft überzeugend – gerade dadurch, dass Menschen eingeladen werden, ihnen zu folgen.
Wenn Jesus dann von „Früchten“ spricht, greift er ein vertrautes biblisches Bild auf. Früchte stehen für das, was aus einem Leben, aus Worten, Entscheidungen und Taten tatsächlich hervorgeht. Nicht die Absicht zählt zuerst, sondern die Wirkung. Und hier ist die Bibel erstaunlich klar in ihrer Unterscheidung.
Gute Frucht zeigt sich in Liebe, Wahrheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Demut, Frieden, geistlichem Wachstum.
Schlechte Frucht dagegen in Hass, Spaltung, Stolz, Gewalt, Selbstsucht, Täuschung. In unserer heutigen Zeit muss man wohl auch hervorheben und betonen, durch Medien – wozu auch Internetplattformen zählen – transportierte kleinteilige Skandalisierung, um den Eindruck eines permanenten Foulspiels und Ungerechtigkeit zu verstärken und Menschen zu manipulieren. Das ist Täuschung, die nicht mehr von jedem durchschaut wird.
Zu jedem dieser Begriffe, den die Bibel als Orientierungspunkte verwendet, könnte man auch noch lang und breit erklären, was damit gemeint ist. Und vielleicht ist das heutzutage nötiger denn je, weil vieles, was lange als selbstverständlich galt, zunehmend abgelehnt oder neu umgedeutet wird.
Frucht ist das, was ein Leben mit sich bringt – sichtbar und spürbar für andere.
Der entscheidende Punkt ist also: Nicht die Verpackung zählt, sondern das, was herauskommt. Genau deshalb sagte Jesus diesen Satz in der Bergpredigt. Damit gibt er uns eine Orientierung und einen Maßstab. Nicht nur für offensichtliche Irrwege, sondern für die feinen Formen der Verführung, die sich christlich tarnen.
Dieser Maßstab gilt auch für die eigene Seite. Für die eigene Überzeugung. Für die Bewegung oder Partei, der man mehr vertraut, als anderen. Christen sind nicht davor geschützt, sich zu verrennen. Christen dürfen nicht mit dem Feuer spielen, das einst schon zu Verblendung, Hass und katastrophalen Fehlern geführt hat. Wir kennen die Geschichte – und wir dürfen sie nicht vergessen. Jesus erinnert daran, dass man „Herr, Herr“ sagen kann und ihn doch verfehlt.
Darum ist Jesus mit seiner Aussage so nüchtern wie klar: Nicht, wie überzeugend jemand redet. Nicht, wie erfolgreich oder beliebt eine Botschaft ist. Sondern, was bewirkt sie? Was wächst daraus? Was bleibt bei den Menschen zurück?
Wo dauerhaft Angst geschürt wird, alles schlechtgeredet wird, wo Menschen gegeneinander aufgebracht werden, wo andere abgewertet, bedroht oder verächtlich gemacht werden, ist die Frucht faul – egal wie heilig, berechtigt und gerecht es klingt. In unserem Land prägen zunehmend Angstkultur, Vereinfachung und Pauschalisierung den öffentlichen Ton. Christlicher Glaube steht dazu in einem klaren Gegensatz. Er lebt nicht von Angst, sondern von Vertrauen. Nicht von Vereinfachung, sondern von Wahrheit. Nicht von Abgrenzung, sondern von Liebe.
Gerade in Zeiten, wo es für viele Menschen sehr leicht geworden ist „ihre eigene Wahrheit“ zu verkünden – auf Social Media, in Politik, sogar in Kirchen – brauchen wir geistliches Unterscheidungsvermögen. Jesus ruft nicht zur schnellen Verurteilung auf, sondern zur ehrlichen Prüfung.
Die Einladung Jesu lautet: Schau auf die Frucht. Frag dich: Fördert diese Person und das, wofür sie steht, was Gott will? Oder führt sie weg von Christus, von Liebe, von Wahrheit?
Auftrag statt Aufregung – wofür wir eigentlich hier sind
Der Auftrag der Christen ist nicht Spaltung, sondern Versöhnung. Nicht Panikmache, sondern Hoffnung. Nicht Angst, sondern Mut.
Christlicher Glaube lebt nicht davon, bestehende Ordnungen zu zerstören, sondern davon, auf den hinzuweisen, der selbst die Ordnung ist: Christus. Sein Zeugnis wirkt oft leise. Aber es ist kraftvoll. Und es zielt nicht auf Empörung, sondern auf Veränderung von Herzen. „Zeugnis“ bedeutet das glaubwürdige Weitergeben dessen, was Gott getan hat und wer Jesus für uns ist. Das ist wie wenn du einem Freund erzählst, warum dir ein bestimmter Arzt wirklich geholfen hat – nicht als Werbung, sondern aus eigener Erfahrung.
Zu diesem Auftrag gehört mehr, als viele wahrhaben wollen. Auch die Verantwortung für Gottes Schöpfung ist Teil davon. Die Bibel spricht nicht davon, die Erde auszubeuten, sondern sie zu bewahren. Der Mensch ist Verwalter, nicht Besitzer. Wer nur den eigenen kurzfristigen Lebensstandard im Blick hat, übersieht, wie ernst Gott dieses Thema nimmt. In z.B. Offenbarung 11, 18 steht: „…die Zeit ist gekommen, die zu richten, … und die zu verderben, die die Erde verderben.“ Das ist kein Randthema, sondern Ausdruck davon, dass Schöpfung Gott gehört.
Gleichzeitig reicht es nicht, nur die äußere Welt in Ordnung zu halten. Eine saubere Umwelt allein rettet keine Herzen. Gott ruft uns nicht nur dazu, die Welt zu bewahren, sondern auch dazu, von seinem Sohn zu reden. Denn was nützt die beste Ordnung, wenn niemand weiß, wer Christus ist? Was hilft ein intaktes System, wenn die Hoffnung fehlt? Wie sollen Menschen an Jesus glauben, wenn Christen lieber woanders Zeit und Kraft einsetzen, als von ihm zu reden und für ihn zu werben?
Beides gehört zusammen. Verantwortung für die Welt – und das Zeugnis von Jesus. Wo eines gegen das andere ausgespielt wird, geht der Auftrag verloren. Christen sind nicht zur Aufregung berufen, sondern zur Treue. Nicht zur Lautstärke, sondern zur Frucht.
Der größte Schatz ist nicht die Erde
Denn der größte Schatz, den Gott uns anvertraut hat, ist nicht die Erde – sondern der Mensch. Menschen hungern nicht nur nach Brot, sondern nach Wahrheit, Hoffnung und Sinn. Darum stellt sich nochmals die einfache, aber unbequeme Frage: Wie also sollen sie an Jesus glauben, wenn niemand von ihm spricht? Wie soll ein Herz verändert werden, wenn keiner das Evangelium bekannt macht und das Evangelium erklärt?
Glaube war nie als Einzeldisziplin für Einzelkämpfer gedacht. Die Bibel kennt Weitergabe. Erfahrung. Lernen voneinander. Wo sind die Erfahrenen, die Jüngere begleiten und ermutigen, ihren Glauben sprachfähig zu machen? Und wo sind die Jüngeren, die ihre Begeisterung nicht beim Gefühl stehen lassen, sondern ihr Tiefe geben und daraus Konsequenzen ziehen?
Jesus sichtbar zu machen heißt nicht, laut oder aufdringlich zu werden. Es heißt, mit dem eigenen Leben, mit Worten und mit echter Freude von ihm zu erzählen. Nicht als Werbekampagne, sondern als glaubwürdiges Zeugnis.
Viele Christen sind dabei innerlich gehemmt. Man will keinen Streit. Keine Diskussion. Nicht auffallen. Der Geist der Zeit belohnt Anpassung und Bequemlichkeit – auch in Kirche und Erziehung. Doch wo Glaube nur noch niemanden stören soll, verliert er seine Kraft. Was konfliktfrei bleiben will, bleibt oft folgenlos.
Aber das andere Extrem ist genauso gefährlich. Wo christlicher Glaube zur Waffe wird, wo er mit nationalistischer Ideologie, Feindbildern oder Machtfantasien vermischt wird, geht sein Kern ebenso verloren. Lautstärke ersetzt dann Liebe. Härte ersetzt Wahrheit. Und das christliche Getue dient nicht mehr dem Evangelium, sondern der Abgrenzung.
Jesus ruft weder zur bequemen Anpassung noch zur aggressiven Selbstinszenierung. Er ruft zu Treue. Zu Wahrheit ohne Hass. Zu Klarheit ohne Menschenverachtung. Gute Frucht wächst nicht aus Angst oder Empörung – sondern aus einem Leben, das sich an Christus orientiert.
Evangelisation ist kein Hobby für Fromme – es ist der Lebensauftrag – also oberste Priorität – jedes Christen. Jesus hat uns nie beauftragt, unseren Glauben für uns zu behalten.
Der Glaube stirbt leise – und wird laut durch echte Hoffnung
Dass Menschen heute u.a. an „das Universum“, „positive Energie“ oder „Schicksal“ glauben, ist kein Zufall. Es ist Ausdruck eines Herzens, das spürt, da muss mehr sein. Aber statt in der Kirche oder in unseren Gemeinden, suchen Menschen im Yoga-Studio, auf Social Media oder in Achtsamkeits-Apps nach Sinn. Das ist keine Bedrohung, sondern eine Chance für uns!
Gleichzeitig geschieht etwas, das oft übersehen wird. Z.B. wenden sich in vielen islamisch geprägten Ländern Menschen innerlich von ihrem bisherigen Glaubenssystem ab. Sie sind enttäuscht von ihren autokratischen Systemen, die eng mit dem Islam verknüpft sind. Sie suchen nach individueller Warhnehmung, Wahrheit, Freiheit, Hoffnung – und entdecken Jesus. Die Bibel macht deutlich, wie wichtig für Gott der einzelne Mensch ist. Wo Gemeinschaft, Ideologie oder religiöse Systeme oder im Namen eines „größeren Ganzen“ benutzt werden, um Unterdrückung zu rechtfertigen, steht es gegen den Geist des Wortes Gottes. Und während wir oft von „Mission in der Ferne“ sprechen, schickte Gott uns diese Menschen längst vor die Haustür. Nicht als Problem, sondern als Auftrag.
Einer anderer Fehler liegt darin, dass viele Gemeinden einen Gott verkündigen, der nur „für später“ zuständig ist. Ewiges Leben, Himmel, Wiederkunft – ja, aber was ist mit dem Jetzt? Christen müssen klar sagen: Ja, wir warten auf die Ewigkeit – aber wir leben mit Christus schon heute! Der Himmel beginnt nicht erst nach dem Tod, sondern wenn Christus in deinem Herzen wohnt.
Genau hier entscheidet sich die Frucht. Nicht in Lautstärke oder Abgrenzung, sondern darin, ob Menschen durch uns Hoffnung finden – heute.
Ihr
Munir Hanna
für das Evangeliumsnetz e.V.
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