Gerechtigkeit vor Gott

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Die Woche fängt gerade erst an. Der Kaffee ist zu dünn, der Kalender zu voll, und das Smartphone erinnert dich freundlich daran, dass du gestern nur 2.432 Schritte gemacht hast. Die Fitness-App ist enttäuscht. Die To-do-Liste auch. Und irgendwo im Hinterkopf sitzt diese leise Stimme: Da müsste noch mehr gehen. Besser. Konsequenter. Du bleibst deinem eigenen Pensum etwas schuldig.
Selbstoptimierung ist für viele Menschen längst kein Hobby mehr, sondern Grundrauschen unseres Alltags. Wir zählen Schritte, Kalorien, Arbeitsstunden, manchmal sogar gute Taten. Und oft genug schleicht sich dabei eine alte Frage ein – Reicht das? Genau hier berührt uns das Thema Gerechtigkeit vor Gott. Nicht als frommes Spezialthema, sondern mitten im ganz normalen Leben.

Mitten in diese Situation passt 2. Korinther 5,21 gut hinein: „Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn zu der Gerechtigkeit kommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“
Das ist kein theologischer Gedankensalto, sondern eine existentielle Aussage. Hier geht es um das, worauf ein Mensch sein Leben baut.

Hier können wir etwas an anderen Menschen beobachten – und wenn man ehrlich ist, auch an sich selbst. Nämlich, dass gerade die Menschen, die es ernst meinen, versuchen aus allen Kräften alles richtig und möglichst keine Fehler zu machen. Dazu gehört auch der Hang nach Perfektionismus. Dabei verfehlen sie oft das Entscheidende. Sie wissen viel über Moral, Disziplin und wie es richtig sein müsste. Aber wenig über die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Warum? Weil sie versuchen, sie selbst herzustellen. Schritt für Schritt. Leistung für Leistung. Tugend für Tugend.

Das wäre so, als ob Menschen versuchen würden, einen Turm zu bauen, der so hoch in den Himmel ragt, um Gott näherzukommen. Oder auf der Erde eine „saubere Gesellschaft“ oder ein Reich Gottes herbeiführen möchten und dabei vergessen, dass Gott etwas ganz anderes von uns möchte.

Das Problem dabei ist nicht der Wunsch nach einem guten Leben oder einer Wohlfühlumgebung. Die Bibel kritisiert keinen Einsatz für das Gute. Aber es wird die Quelle oder die Wurzel kritisiert. Wer glaubt, sich seine Gerechtigkeit erarbeiten zu müssen, gerät in eine Sackgasse. Der Weg endet entweder im Stolz – „ich habe es geschafft“ – oder in der Verzweiflung – „ich schaffe es nie“.

Doch Glaube ist kein Zustand, sondern ein lebenslanger Lernprozess. Und genau das sagt uns die Bibel, dass wir nicht denken sollten, dass Glaube stillstand oder ein Bewahren von Traditionen ist. Glaube ist ein Lernprozess mit ständigem sich selbst Hinterfragen und Abgleichen mit dem, wie Gottes Wesen uns in der Bibel vermittelt wird.

Martin Luthers nannte diesen Switch einen „fröhlichen Wechsel“. Christus nimmt, was uns belastet – Schuld, Verfehlung, das Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Und gibt uns, was wir selbst nicht zustande bringen können: seine Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit ist kein moralischer Punktestand. Sie ist ein Beziehungsstatus. Vor Gott gelten wir nicht aufgrund unserer Bilanz, sondern weil er uns angenommen hat.

Und man kann es nicht oft genug sagen. Angenommen sein von Gott, ohne Vorbedingung und ohne Vorleistungen. Es bedeutet aber nicht, dass man so bleibt.

Wer sich selbst für moralisch abgeschlossen hält, hat für Christus keinen Platz mehr – und beginnt zu urteilen. Dann wird bewertet, sortiert, eingeordnet. Menschen werden verglichen, in Schubladen gesteckt und schließlich danach beurteilt, wer zählt und wer nicht mehr zählen soll. Dabei gerät aus dem Blick, dass Jesus gerade bei denen ist, denen wenig Wert zugemessen wird. Nicht weil Jesus unaufmerksam wäre oder Maßstäbe verwechselte, sondern aus Liebe. Dort, wo Menschen ihre Brüche nicht mehr verstecken müssen, wo sie nicht bewertet, sondern gesehen werden, beginnt Heilung – und echte Veränderung.

Für heute heißt das, dass christlicher Glaube kein weiteres Optimierungsprogramm ist. Er ist Entlastung – und Befreiung von Angst, Schuld und innerem Druck. Glaube befreit von dem Zwang, sich ständig beweisen zu müssen: vor anderen, vor sich selbst und vor Gott. Aus dieser Freiheit kann Veränderung wachsen. Aber sie beginnt nicht mit Anstrengung oder Selbstverbesserung, sondern mit einem Geschenk: Gott gibt sich selbst hin – in Jesus Christus.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


Er hat den, der ohne Sünde war, für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn zu der Gerechtigkeit kommen, mit der wir vor Gott bestehen können.

2. Korinther 5, 21