Hinausgehen - aber wohin?

Geht hinaus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen! Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel und Gott denkt an ihren Frevel.

Offenbarung 18, Verse 4 und 5

Und Jesus zog umher in ganz Galiläa, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im
Volk.

Matthäus 4, Vers 23





Der Vers 4 aus Offenbarung 18, wird von Christen, die um das Seelenheil ihrer Glaubensgeschwister besorgt sind, mit Vorliebe dann zitiert, wenn die Kirche, und hier die Evangelische, wieder einmal einen "Griff ins Klo" getan hat,
also Beschlüsse fasste oder "Orientierungshilfen" herausgegeben hat,
die mit dem Evangelium unvereinbar sind.

Die Kirche wird in solchen Fällen mit der "Hure Babylon" gleichgesetzt, auf die sich dieser Vers bezieht, weshalb ein Kirchenaustritt, zur Rettung der eigenen Seele, als "dringend notwendig" und "unabdingbar" empfohlen wird.

Leider ist es so, dass Teile der Kirche, infolge eines eigenwilligen Bibelverständnisses, ständig für Irrlehren und damit für Irritationen sorgen. "Dringende Empfehlungen", sofort aus der Kirche auszutreten, werden dadurch verstehbar.

Aber kann die Aussage in Offenbarung 18 wirklich so verstanden werden?

Ich denke nicht, und das begründe ich damit, dass die "Hure Babylon" der Offenbarung ein umfassendes, weltumspannendes System ist, das alle Lebensbereiche, also nicht nur die, vom Glauben an Jesus Christus, als dem einzigen Weg zu Gott, abgefallene Kirche umfasst. Von daher kann die "Hure Babylon" überhaupt nicht verlassen werden, ohne gleich wieder in diese einzutreten.

In der sehr guten, biblisch orientierten, Wuppertaler Studienbibel wird die Aussage in Offenbarung 18 deshalb so ausgelegt, dass es bei diesem Auszug um die Flucht in das Tun des Willen Gottes geht, denn wer den Willen Gottes tut, vergeht nicht mit Babel, sondern bleibt in Ewigkeit (vgl. 1. Johannes 2, 15-17).

Die Kirche darf nicht an ihren Funktionären (die Bezeichnung "Hirte" ist fragwürdig geworden) gemessen werden. "Wir sind die Kirche!" kann man, in Anlehnung an "wir sind das Volk", auch hier sagen. "Wir", das sind die dem Herrn treu Gebliebenen und treu Bleibenden, und die flüchten schon jetzt in das Tun des Willen Gottes.

Das Wort Gottes spricht davon, dass der Heilige Geist die Gläubigen versiegelt, das heißt auch, Irrlehren gegenüber immunisiert.

Für die Kirche in ihrer Gesamtheit gilt, dass auch in ihr Unkraut und Weizen nebeneinander aufwachsen und das Unkraut am Schluss "entsorgt" wird.

Und jetzt zu Matthäus 4, 23:

Jesus ist weder aus der Synagoge noch aus dem Tempel "ausgetreten", obwohl dort seine Gegner, die Pharisäer und Schriftgelehrten, am Wirken waren.

Auch Mose und andere Gottesmänner sind nicht aus ihrem Volk "ausgetreten",
obwohl sie sicher oft genug Grund genug dazu gehabt hätten. Aber sie wussten sich in der Hand Gottes und von Gott beauftragt und geführt.

Gott ist gnädig und barmherzig und Er sucht das Verirrte. Die Verirrten, um die es hier geht, sind keine Unmenschen, und Gräben aufreißen führt nicht weiter.

Ich meine, dass wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit unbeirrt für die
unverfälschte Wahrheit des Evangelium eintreten müssen. Solange wir Mitglieder der Kirche sind, sind wir berechtigt, entsprechende Eingaben, Widersprüche und Proteste an unsere "Vereinsfunktionäre und -innen" zu schicken. Wir haben hier eine Wächterfunktion, der wir nachkommen müssen. Warum geschieht das so selten?

Bei den "Funktionären und -innen" dürfen wir nicht das sehen, was wir vor
Augen haben, sondern was Gott daraus noch machen kann. Und vielleicht kann der Eine oder Andere auf den rechten Weg zurückgebracht werden.
Wir können Gott darum im Gebet bitten.


Jörgen Bauer