Unguter Fundamentalismus!

Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er
barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen
die Sünden des Volkes. Denn worin er selber gelitten hat und ver-
sucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

Hebräer 2, Verse 17 und 18




Als vor einigen Jahren der Inspektor des Chrischona-Gemeinschaftswerkes, Rainer Geiss, verabschiedet wurde, sagte dieser, dass ihm während seiner Amtszeit etliche „rechtgläubige Scharfrichter und Kreuzritter“, sowie „gnadenlos fromme Christen“ begegnet seien. Er hoffe aber, dass bei Chrischona auch künftig der Gnade und Barmherzigkeit Raum gegeben werde.

Das „gnadenlos fromm“ stieß nicht überall auf Zustimmung. Christen, denen
eine klare und eindeutige Verkündigung des Evangeliums am Herzen liegt,
sehen hier ein Anzeichen für eine „Anpassung an die Welt, verbunden mit
einer Relativierung der biblischen Botschaft, die auch vor bislang bibeltreuen
Einrichtungen nicht Halt macht“.

Entsprechend dann eine Kommentierung: „Die linguistischen Guerilleros
haben wieder zugeschlagen“.

Aber wie ist das denn nun mit den „rechtgläubigen Scharfrichtern“, „Kreuz-
rittern“ und „gnadenlos frommen Christen“? Gibt es die wirklich oder sollen
mit solchen Bezeichnungen lediglich bibeltreue und ernsthafte Christen
verunglimpft werden?

Ich denke nicht.

Denn es gibt tatsächlich Christen, die ihren Glaubensgeschwistern gegen-
über unnachsichtig und hart urteilen, wenn diese in irgendeiner Form von
dem abweichen, was von den „gnadenlos Frommen“ als einzig wahr und
richtig erkannt wurde.

Und da kann Mitchristen auch mal ganz schnell die Rechtgläubigkeit ab-
gesprochen und auf Distanz gegangen werden. Es gibt tatsächlich einen
unguten Fundamentalismus. Den mit dem ständig erhobenen Zeigefinger.
Wo man vor lauter Ernsthaftigkeit das Lachen verlernt hat und wo man
selbstquälerisch mit den eigenen Mängeln umgeht.

Und in krassen Fällen erhebt man sich besserwisserisch und überheblich
über andere, die auf das Schärfste verurteilt werden, wenn sie nicht zu 100%
die eigenen Auffassungen teilen. Solche Christen wirken abschreckend
und bewirken das genaue Gegenteil von dem, was sie eigentlich sollten.

Der „gnadenlose fromme Christ, Kreuzritter und rechtgläubige Scharfrichter“
ist Ausdruck einer einseitigen Fehlentwicklung, bei der, an sich gute Ansätze,
in einer unguten Weise übersteigert werden, wobei dies dann nicht mehr dem
entspricht, was im Wort Gottes gesagt ist.

Denn hier lesen wir, dass unser Wissen und Erkennen Stückwerk ist, dass
wir einander annehmen, vergeben und barmherzig sein sollen, uns Christus
zur Freiheit befreit hat und wir aus Gnade gerettet werden. Was allerdings
auch wieder nicht ins andere Extrem, dem der Beliebigkeit, umschlagen
darf.

So bleibt das Glaubensleben auch hier eine Gratwanderung, bei der wir
um die rechte Leitung bitten müssen

Eine der „gnadenlos frommen“ Fehleinschätzungen ist die, dass man
glaubt, dass die Wahrheit der biblischen Aussagen von uns gesichert
werden müsste, weshalb Aufweichungstendenzen durch einen, von den
„Rechtgläubigen“ um die Bibel aufzurichtenden und von diesen zu vertei-
digenden Schutzwall begegnet werden muss.

Dabei wird verkannt, dass hinter dem Wort Gottes, Gott selbst steht,
der von uns nicht geschützt oder gar verteidigt werden muss und dass
das Wort Gottes, ein lebendiges Wesen, wie ein Löwe ist, der sich selbst
verteidigt. Es ist der Geist Gottes, der jedem das individuelle Maß an
Glauben zuteilt. Und da wird dem einen dieses und dem anderen jenes klar.

Unsere Aufgabe ist es, unseren Glauben und das, was wir dadurch erkannt
und erfahren haben, freimütig zu bekennen, uns untereinander auszutauschen
und zum Befassen mit dem Wort Gottes einzuladen. Das Wachsen und
Gedeihen kann nur Gott schenken.


Jörgen Bauer