Kann denn Stolz Sünde sein?

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Bildhinweis: KI-generiertes Bild – keine reale Aufnahme.

Die Kameras zeigen den alternden Superstar. Tränen laufen über sein Gesicht. Vor wenigen Minuten hat er mit seiner Mannschaft vermutlich das letzte große Turnier seiner Karriere verloren. Noch einmal küsst er das Wappen auf seiner Brust. Tausende Fans applaudieren, viele weinen mit ihm. In den Interviews spricht er von Zusammenhalt, Heimat und dem Stolz auf sein Land.

Vor zwanzig Jahren begann seine Karriere mit großen Hoffnungen. Tore, Pokale, Schlagzeilen. Viele trugen seinen Namen auf dem Trikot, Sponsoren zahlten Millionen. Jahrzehntelang gehörte ihm die Bühne.

Doch dieser Schlusspfiff ist mehr als das Ende eines Spiels. Er erinnert daran, dass jede Karriere einmal endet.

Zur gleichen Zeit sitzt ein Fan zu Hause auf dem Sofa. Vor wenigen Stunden hat er gejubelt, als hätte er selbst einen Pokal gewonnen. Jetzt erscheint auf seinem Smartphone die Kreditkartenabrechnung. Die Reise zum Turnier, die Tickets, die Feiern – alles zusammen hat ein Loch in die Haushaltskasse gerissen. Seine Frau macht sich Sorgen. Die Kinder merken, dass das Geld knapp wird. Der Rausch ist vorbei, die Wirklichkeit bleibt.

Beide Geschichten erzählen von derselben Sehnsucht. Wir wollen dazugehören und möchten auf der Seite der Gewinner stehen. Deshalb suchen wir nach etwas, das unserem Leben Bedeutung und Wert verleiht. Wir identifizieren uns mit einer Nation, einer Fahne, einem Verein, einem Unternehmen oder schlicht mit dem eigenen Erfolg. Wenn „wir“ gewinnen, fühlen wir uns größer.

Psychologen beschreiben dieses Verhalten mit „Basking in Reflected Glory“ (BIRGing), d.h. sich Sonnen im Glanz anderer. Damit wird beschrieben, wie Menschen ihr Selbstwertgefühl steigern, indem sie sich mit erfolgreichen Gruppen identifizieren, denen sie angehören oder sich zugehörig fühlen. Der Erfolg der eigenen Mannschaft fühlt sich an wie ein persönlicher Erfolg. Man hört Sätze wie „Wir sind Weltmeister“ oder „wir haben in der Verlängerung gewonnen“, obwohl man selbst keine Minute auf dem Platz stand. Man leiht sich sozusagen den Erfolg oder das Ansehen der Gruppe für das eigene Selbstbild. Stolz stiftet Identität und verbindet Menschen. Doch derselbe Stolz kann auch trennen und am Ende in den Ruin führen.

Kluge Menschen kommen irgendwann zu den Fragen: Welchen Nutzen hat unser Stolz wirklich? Wem nützt er, und wer spannt hier eigentlich wen vor den Karren? Trägt er uns auch dann noch, wenn das Spiel vorbei ist, die Fahnen eingerollt und die Lichter ausgegangen sind? Aber ist Stolz überhaupt etwas Schlechtes?

Nein. Es ist nichts Verkehrtes daran, sich über das eigene Land zu freuen, seine Heimat zu lieben oder mit einer Mannschaft mitzufiebern. Problematisch wird es erst dort, wo der Stolz zur eigentlichen Quelle unserer Identität wird – oder wo er sich nur nährt, indem er andere kleinmacht. Dann wird er zum Götzen und stellt sich gegen Gott.

Ob im endlosen Feed von Instagram, TikTok, LinkedIn oder in der antiken Metropole Jerusalems, zu allen Zeiten: Wir Menschen lieben den „Ruhm“. Wir definieren unseren Wert ziemlich oft über das psychologische Trio des Egos, das schon der Prophet in Jeremia 9, 22–24 entlarvt hat: unsere Weisheit (Intellekt, Mindset), unsere Stärke (Einfluss, Können, Status) und unseren Reichtum (Finanzen, materieller Flex). All das ist eine Illusion von Sicherheit. Wenn die Krisen des Lebens einschlagen, tragen uns diese Statussymbole nicht.

Jeremia warnte die Elite seines Landes, die sich auf ihre politische Klugheit, ihre militärischen Bündnisse und ihr Vermögen verließ. Seine Botschaft: All das wird euch im kommenden Gericht nicht retten, weil ihr den Fokus falsch gesetzt habt. Und er zeigte auf einen anderen Weg in Jeremia 9, 23: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er mich kennt.“ An dieser Stelle verschiebt sich der Fokus – weg vom eigenen Können, hin zu Gott. Das ist Hingabe, nämlich von sich selbst loszulassen. Sich des Herrn zu rühmen bedeutet seine Identität und sein tiefstes Vertrauen komplett in Gott zu verankern. Es ist die Befreiung vom Zwang zur Selbstdarstellung.

Das ist die Antwort auf die heutigen Identitätskrisen: Dein Wert wird nicht durch deine Performance, deine Fahne oder deine Disziplin bestimmt, sondern durch eine krisenfeste Beziehung zu einem lebendigen Gott, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit liebt. Wer sich seiner rühmt, gewinnt eine unerschütterliche Gelassenheit – weil das Fundament nicht mehr das eigene Ego ist, sondern der Schöpfer selbst.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


Grund zum Rühmen hat nur, / wer mich erkennt und begreift, was ich will; / wer einsieht, dass ich Jahwe bin, / der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft! / Denn das gefällt mir“, spricht Jahwe.

Jeremia 9, 23