Vom Grasbüschel zum Kreuz

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Foto: Andre Lightfoot / unsplash.com

Ein Schaf schaut nicht auf die Landschaft und denkt: „Heute verlasse ich die Herde.“ Es sieht nur das nächste Grasbüschel. Geht ein paar Schritte, findet daneben noch etwas. Dann noch eines. Und noch eines. Schritt für Schritt entfernt es sich, ohne es zu merken. Sein Blick reicht die ganze Zeit nur bis zum nächsten Büschel. Während es frisst, wird die Herde kleiner, die Stimme des Hirten leiser, der Abstand größer. Irgendwann hebt es den Kopf. Die anderen sind weg. Kein Hirte zu sehen. Plötzlich wird aus der vermeintlichen Freiheit Angst. Es steht allein da.

Jesaja benutzt in Kapitel 53,6 dieses Bild: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg.“ Im Horizont der babylonischen Krise Israels beschreibt der Vers mehr als individuelles Fehlverhalten. Sünde ist die Beschreibung für die grundlegende Störung der Beziehung zu Gott. Der Mensch richtet seinen Weg an sich selbst aus. Daraus entstehen Schuld, Trennung und schließlich Verlorenheit.

Doch der Satz endet nicht bei dieser Diagnose. Es geht weiter mit: „Der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ Und damit wechselt die Perspektive. Die Schuld bleibt nicht einfach bei denen liegen, die sie verursacht haben. Sie wird einem anderen zugerechnet und von ihm getragen. Genau darin liegt der Gedanke der Stellvertretung.

Im Judentum ist der Gottesknecht aus Jesaja 52–53 häufig auf Israel bezogen worden. Daneben gibt es weitere jüdische Deutungen. Die christliche Auslegung sieht den Zusammenhang mit Kreuz und Auferstehung Jesu. Das Neue Testament nimmt diese Sprache ausdrücklich auf und spricht davon, dass Jesus unsere Sünden selbst getragen hat, obwohl er selbst ohne Sünde war.

Stellvertretung bedeutet dabei weit mehr als bloßes Mitgefühl. Christus steht nicht nur neben dem schuldigen Menschen und klopft tröstend auf die Schulter. Er tritt an dessen Stelle. Das bedeutet, die Sünde gehört nun Jesus und er wird daran gemessen. Die Schuld wird nicht verharmlost, sondern sehr ernst genommen. Gerade deshalb braucht es Vergebung, die vor Gott zählt.

Vergebung bedeutet nicht, dass Gott Sünde plötzlich unwichtig findet. Sie bedeutet, dass ihre trennende Macht durch Christus aufgehoben wird. Der Mensch wird vor Gott gerecht, weil Christus die Sünde abgenommen hat.

Damit zeigt sich auch die Grundlage unseres Glaubens. Wer auf seine Beziehung zu Gott schaut und dabei zuerst auf die eigene moralische Bilanz und Leistung blickt, wird nie zu wirklicher Sicherheit kommen. Denn selbst ehrliche Umkehr beseitigt die Vergangenheit nicht. Gute Werke können begangenes Unrecht nicht ungeschehen machen. Das Kreuz darf nicht so verstanden werden, als müsse Jesus einen widerwilligen oder zornigen Vater erst zur Vergebung bewegen. Das Neue Testament beschreibt die Versöhnung als Handeln Gottes selbst. Der Vater sendet den Sohn. Der Sohn gibt sich hin. Gottes Wille zur Rettung und Christi Hingabe gehören zusammen.

Das gibt unserer Hoffnung auf eine heile Beziehung zu Gott Substanz. Vergebung hängt nicht davon ab, ob ein Mensch sie gerade stark genug empfindet. Sie beruht auch nicht darauf, ob das eigene Gewissen irgendwann endlich Ruhe gibt. Das Gewissen kann anklagen, Erinnerungen können wiederkehren, Scham kann lange bleiben. Die Grundlage der Versöhnung liegt trotzdem nicht in der eigenen gefühlten Realität, sondern im vollbrachten Handeln Gottes.

Wir kennen viele Formen, wie man mit Schuld umgehen kann. Man kann sie verdrängen, relativieren oder anderen in die Schuhe zuschieben. Man kann aber auch in die andere Richtung fallen und sich pausenlos um das eigene Versagen kreisen. Dann wird die eigene Vergangenheit zum inneren Gerichtssaal, in dem derselbe Prozess immer wieder neu beginnt.

Das Evangelium führt aus diesen beiden Sackgassen heraus. Es erlaubt, Schuld wirklich Schuld zu nennen. Wer einen Menschen verletzt hat, bleibt verantwortlich. Vergebung ersetzt keine Entschuldigung, keine Wiedergutmachung und keine irdischen Konsequenzen. Aber die eigene Verantwortung und das Urteil Gottes sind nicht dasselbe.

Vor Gott entscheidet nicht, ob du dich selbst genug bestraft oder genug gelitten hast. Entscheidend ist, dass Christus schon längst die Schuld trägt. Darum kann ein Mensch seine Vergangenheit ernst nehmen, ohne von ihr endgültig bestimmt zu werden.

Hier wird das Bild vom Schaf hilfreich: Der verlorene Mensch findet den Weg zu Gott nicht dadurch zurück, dass er plötzlich ein besseres Schaf wird. Seine Hoffnung liegt beim Hirten. Jesus hat gesagt, dass er das verlorene Schaf suchen geht.

Dein Peter


Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

Jesaja 53,6