Man kann viel über Liebe reden, ohne dass sich etwas ändert. Liebe ist ein schönes Wort. Es steht auf Hochzeitskarten, in Profilbios und unter Instagram-Posts. Man kann es sagen, ohne jemanden zu meinen. Genau deshalb ist der Satz so verstörend, den der 1. Johannesbrief schreibt: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Das ist kein nettes Motto, sondern ein starkes Stück Anforderung an den Gläubigen. Denn wenn Gott Liebe ist, dann ist Liebe nicht nur ein Gefühl, das kommt und geht, sondern der Ort, an dem Gott selbst gegenwärtig ist.
Darum setzt dieser Satz so hoch an. Man könnte lange aufzählen, wie wertvoll Liebe sei, wie notwendig für Gemeinschaft, wie moralisch vorbildlich. Aber all das bleibt harmlos im Vergleich zu dem Gedanken, dass Gott selbst nichts anderes ist als Liebe. Martin Luther trieb dieses Bild bis an die Grenze des Sagbaren. Wollte man Gott malen, so sagte er, müsste es „eitel Liebe“ sein – ein Feuerofen, eine brennende Glut, die Himmel und Erde erfüllt. Gott ist nicht kühl, nicht neutral, nicht distanziert. Er ist leidenschaftlich zugewandt.
Das hat Folgen. Denn wenn Gott Liebe ist, dann kann man Gott nicht haben, ohne sich dieser Liebe auszusetzen. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“ Bleiben – nicht kurz hineinschauen, nicht gelegentlich zustimmen oder gelegentlich Liebe auspacken. Christsein ist kein Meinungsbesitz, sondern ein Lebensraum. Und dieser Raum heißt Liebe.
Dabei ist Liebe in der Bibel nie bloß warm und angenehm. Sie ist keine romantische Stimmung. Liebe ist Bewegung auf den anderen zu – gerade dort, wo es innerlich Widerstand gibt. Luther scheut sich nicht, das drastisch zu sagen: Wenn man die Liebe malen wollte, müsste man ein Bild schaffen, das nicht menschlich, nicht einmal englisch wäre – also nicht einmal engelsgleich oder himmlisch –, sondern göttlich. Das heißt: Liebe übersteigt unsere spontanen Reaktionen. Sie widerspricht oft dem, was wir „gefühlsmäßig richtig“ finden.
Genau hier wird der Text unbequem für unsere Gegenwart – besonders für die Art, wie manche Christen heute öffentlich auftreten. Soziale Netzwerke leben von Zuspitzung, Empörung und Lagerbildung. Wer am lautesten ist, bekommt Aufmerksamkeit. Wer scharf formuliert, wird geteilt. Auch Christen machen bei diesem Spiel mit – manchmal in einer Weise, die eher verwirrt als klärt. Es werden Menschen von Christus ferngehalten, obwohl man eigentlich Menschen gewinnen wollte. Man gibt sich fromm, kämpferisch, wahrheitsliebend, und merkt kaum, wie der Ton härter wird und der Geist kälter. Und merkt kaum, wie wenig Liebe dabei übrig bleibt und wie weit man sich längst vom Auftrag Gottes entfernt hat. Wo der Glaube zur Waffe wird, bleibt von der Liebe oft nur noch der Name.
Doch wenn Gott Liebe ist, dann kann man Wahrheit nicht gegen Liebe ausspielen. Dann heiligt kein „gutes Anliegen“ einen schlechten Umgang. Christliche Existenz zeigt sich nicht zuerst darin, was ich ablehne oder recht behalte, sondern wie ich Menschen begegne, die ich innerlich kaum ertrage. Liebe heißt dann: Ich schreibe keinen Kommentar, den ich dem anderen nicht ins Gesicht sagen würde. Ich unterstelle nicht böse Motive, nur weil mir eine Position fremd ist. Ich verzichte auf Häme, auch wenn ich Applaus dafür bekäme.
Das ist keine Schwäche. Es ist Nachahmung Gottes. Denn genau so handelt Gott mit uns. Er begegnet uns nicht nach dem Maß unserer Rechthaberei, sondern nach dem Maß seiner Gnade. Er geht fair mit Menschen um, die ihm permanent widersprechen. Gott bleibt zugewandt, wo er allen Grund hätte, sich abzuwenden. Oder, zugespitzt gesagt, am liebsten würde man dem anderen manchmal „an die Gurgel gehen“ – aber man tut es nicht und sagt nicht alles, was durch den Kopf geht. Man bleibt respektvoll. Man bleibt ansprechbar. Nicht, weil der andere es verdient hätte, sondern weil Gott so mit mir umgeht und es auch von mir verlangt. Und weil es logisch ist.
„Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott.“ – das ist kein spiritueller Kuschelsatz, dessen Tiefe keiner mehr versteht. Es ist eine klare Prüfmarke. Wo mein Glaube mich härter, verächtlicher und aggressiver macht, habe ich mich aus diesem Raum Gottes entfernt – selbst wenn ich dabei Bibelverse zitiere. Wo mein Glaube mich langsamer, vorsichtiger im Urteil und großzügiger im Umgang macht, dort geschieht etwas von Gott.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung heute: nicht noch recht zu behalten, sondern in der Liebe zu bleiben. Nicht jede Auseinandersetzung zu gewinnen, sondern den anderen nicht zu verlieren. Denn Gott lässt sich nicht dort finden, wo wir triumphieren – sondern dort, wo wir lieben.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Gott ist Liebe und wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott und Gott lebt in ihm.
1. Johannes 4, 16








