In der Weihnachtszeit wird oft an den Gaben der Weisen vorbeigelesen, als gehörten sie einfach zur Kulisse der Geschichte. Gold, Weihrauch und Myrrhe wirken wie exotische Requisiten aus einer fernen Zeit. Doch schon das Matthäusevangelium erzählt diese Szene nicht sentimental. Die Gaben sind sorgfältig gewählt und tragen eine klare Bedeutung.
Gold steht für Würde und Königlichkeit. Es ist das Metall der Macht, der Stabilität, des Bleibenden. Weihrauch gehört in den Bereich des Gottesdienstes. Er steht für Anbetung, für die Ausrichtung des Lebens auf Gott. Myrrhe schließlich ist kein festliches Geschenk, sondern ein Stoff, der für Heilung, aber auch für Leiden und Tod verwendet wird. In diesen drei Gaben bündeln sich große Themen: Macht und Verantwortung, Beziehung zu Gott, Verletzlichkeit und Sterblichkeit des Menschen.
Die Weisen bringen nicht irgendetwas mit. Sie bringen das, was in ihrer Welt Wert hat. Sie setzen ihre Ressourcen dort ein, wo sie Sinn erkennen. Genau darin liegt die Verbindung zu uns. Die Frage, die aus dieser Szene entsteht, lautet nicht zuerst: Was bedeuteten diese Gaben damals? Sondern, was bringen wir dorthin, wo wir Bedeutung vermuten?
So wird aus der Geschichte eine nüchterne Anfrage an das Heute. Wohin fließt das, was uns wichtig ist – Zeit, Aufmerksamkeit, Geld? Dabei geht es nicht um die Höhe eines Betrags, sondern um die Richtung. Gold steht hier stellvertretend für Besitz und Sicherheit – also für das, womit Menschen ihre Zukunft absichern. Weihrauch für das, was wir als unverzichtbar ansehen und Myrrhe für den Umgang mit Leid und Verantwortung. Zusammengenommen zeigen sie, was wir geben, sagt etwas darüber, was wir tragen wollen – und was wir für verzichtbar halten.
Wer Christus ernst nimmt, sollte seine Gaben und seinen Besitz so einsetzen, dass Leben wachsen kann. Martin Luther nannte in diesem Kontext der Bibelstelle zu den Gaben der Weisen drei Bereiche. Zuerst die Menschen, die das Evangelium weitergeben. Dann die Menschen, die andere begleiten und versorgen. Schließlich – mit besonderem Gewicht – junge Menschen, die lernen können. Bildung war für ihn kein Nebenschauplatz des Glaubens, sondern eine seiner Folgen. Wer geistige Fähigkeiten entwickeln kann, lernt auch, Zusammenhänge zu verstehen – im Leben und im Glauben.
Auffällig ist, wie nüchtern Luther argumentierte. Er schwärmte nicht von Bildungsidealen, sondern dachte praktisch. Kirche und Gesellschaft, so war seine Überzeugung, leben davon, dass Verantwortung weitergegeben wird. Das geschieht nicht von selbst. Es braucht Menschen, Zeit – und Ressourcen. Wer heute nicht in Bildung und Zusammenhalt der Gemeinschaft investiert, wird morgen nicht ernten und in der Not einsam dastehen.
Vielleicht hilft das Bild von einem klugen Gärtner, um das deutlich zu machen. Ein kluger Gärtner pflegt nicht nur alte Bäume, sondern pflanzt neue. Nicht aus Romantik, sondern aus Einsicht. Irgendwann werden alte Bäume abgehen. Zukunft entsteht nicht spontan. Sie wird vorbereitet.
Diese Denkweise wirkt heute ungewohnt. Wir sind es gewohnt, kurzfristig zu rechnen: Was bringt es jetzt? Was kostet es? Was lässt sich einsparen, ohne dass es sofort auffällt? Wie kann ich jetzt meinen Vorteil halten oder holen? Aber bereits Luther stellte sich und anderen eine ganz andere Frage: Was braucht es, damit Menschen auch in zehn oder zwanzig Jahren tragen können, was ihnen anvertraut wird? Wie kann eine Elterngeneration die Jüngeren mit Intellekt, Weisheit und Werten so befähigen, dass eine gemeinsame Zukunft gestaltbar bleibt?
Vielleicht liegt hier die leise Provokation dieses Schnipsels aus der Bibel. Wenn Gott dem Menschen Verstand anvertraut – wie gehen wir dann mit den Orten um, an denen Wissen und Verstand wachsen kann? Wenn Glaube Zukunft hat – welche Art von Zukunft ermöglichen wir konkret? Und wenn wir sagen, dass uns das Wohl anderer am Herzen liegt – wo zeigt sich das jenseits guter Absichten in konkreten Entscheidungen und im konkreten Handeln?
So werden die Gaben der Weisen am Ende zu einer Frage an uns: ob auch wir unsere Schätze oder Gaben, die uns zur Verfügung gestellt wurden, nur für uns horten oder öffnen – nicht für ein fernes Ideal, sondern ganz konkret dort, wo heute Menschen wachsen können.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Dann holten sie ihre mitgebrachten Schätze hervor und legten sie dem Kind hin: Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Matthäus 2, 11








