„Papa, mein Freund Charly hat gesagt, dass Babys wegen der Erbsünde schon Sünder sind. Wie kann das sein? Die haben doch noch gar nichts Böses gemacht.“
Der Vater legt sein Buch zur Seite und lächelt. „Das ist eine gute Frage. Und ehrlich gesagt verstehen viele Erwachsene den Begriff Erbsünde auch falsch.“
„Wie meinst du das?“
„Viele denken, Gott würde jedes Baby mit einer Art Schuldkonto auf die Welt schicken. Aber das meint die Bibel nicht. Stell dir vor, dein Urgroßvater macht eine Bergwanderung. Er stürzt in eine tiefe Schlucht. Er überlebt zwar, aber von da an lebt die ganze Familie auf der anderen Seite des Berges. Keiner von euch hat den Sturz verursacht. Trotzdem wird jedes Kind dort geboren. Niemand kennt den Weg zurück. Niemand kann den Berg einfach aus eigener Kraft überwinden.“
Der Junge runzelt die Stirn. „Also geht es gar nicht zuerst darum, dass Babys etwas falsch gemacht haben?“
„Genau. Der Begriff Erbsünde beschreibt vor allem, dass wir Menschen in eine Welt hineingeboren werden, in der die Verbindung zu Gott zerbrochen ist. Und wenn diese wichtigste Beziehung reißt, werden nach und nach auch die anderen Bereiche beschädigt: das Verhältnis zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und sogar zur Schöpfung.“
„Und wie kommt man wieder auf die richtige Seite?“
Der Vater lächelt. „Gar nicht aus eigener Kraft. Genau deshalb ist Jesus gekommen.“
Mit dieser Erklärung wäre Martin Luther damals vermutlich absolut einverstanden gewesen. Ihm ging es bei diesem schweren Wort „Erbsünde“ nicht um verstaubte Theorie, sondern um das echte Leben. Luther hat das Problem mal so beschrieben: Das menschliche Herz ist „in sich selbst verkrümmt“. Das bedeutet, wir Menschen kreisen im Grunde unseres Herzens fast immer nur um uns selbst. Uns geht es um unsere Wünsche, unsere Ängste, unseren Stolz. Wir haben die Mitte verloren, die eigentlich Gott sein sollte.
Es ist der Zustand eines Menschen, der Gott nicht mehr selbstverständlich vertraut. Das erklärt auch, warum wir zwar oft wissen, was gut wäre, es aber trotzdem nicht tun. Seit Adam und Eva sich auf die falsche Seite stellten, ist die Beziehung zwischen Mensch, Umwelt und Gott einfach zerstört. Egal wie sehr wir uns anstrengen: Wir verletzen Menschen, die wir eigentlich lieben. Wir behandeln Menschen schlecht und tun Dinge, von denen wir genau wissen, dass sie falsch sind. Wir sehnen uns nach Frieden in der Welt und fangen schon bei Kleinigkeiten Streit an. Die Erbsünde ist der Zustand, dass wir ohne Hilfe von außen gar nicht mehr aus unserer Ego-Spirale herauskommen.
Doch Gott wartet nicht darauf, dass wir irgendwann oder irgendwie den Weg zu ihm zurückfinden. Er kommt selbst zu uns. In Jesus Christus spricht er seinen Freispruch über jeden aus, der ihm vertraut. Vergebung ist keine Belohnung für besonders gute Menschen. Es ist ein reines Geschenk. Das ist Gnade und bedeutet: Jemand gibt uns aus Liebe etwas Gutes, das wir eigentlich nicht verdient haben.
Wie sehr dieser Gedanke für Erleichterung sorgen kann, sehen wir am Psalmdichter von Psalm 33,9: „Er sprach, und es geschah.“ Dieser Psalm ist ein großes, hymnisches Loblied. In diesem Abschnitt des Psalms erklärt der Beter, warum Gott Lob gebührt. Es geht um Gottes Wesen mit Wahrheit, Liebe, Gerechtigkeit und seine unvorstellbare Macht, das Universum allein durch sein Wort ins Dasein zu rufen. Gott kämpft nicht, er strengt sich nicht einmal an. Er spricht bloß.
Wenn Menschen etwas versprechen, geht oft was schief. Wir nehmen uns etwas vor, haben zu jedem Jahresbeginn schöne Vorsätze gemacht und tun es dann doch nicht. Bei Gott ist das anders. Dieser Vers ist die Kurzfassung der Schöpfungsgeschichte und drückt eine absolute Gleichzeitigkeit aus. Zwischen dem Befehl Gottes und der Existenz der Sache gibt es keine Verzögerung, keinen Widerstand und keinen Materialverschleiß.
Unsere Gefühle sagen aber oft etwas anderes. Wir erinnern uns an unser Versagen. Wir schämen uns und zweifeln, ob Gott uns wirklich vergeben hat. Aber wenn Gott gesprochen hat, dann steht sein Wort fester als unsere wechselnden Gefühle. Nicht unser Empfinden entscheidet darüber, ob wir angenommen sind. Gottes Zusage entscheidet.
Der Gott, der Himmel und Erde durch sein Wort geschaffen hat, spricht auch heute Menschen frei, die auf Jesus Christus vertrauen. Und weil er die Wahrheit sagt und sein Wort gilt, darfst du seinem Wort und Urteil mehr glauben als deinem wechselnden Herzen. Er hat es gesagt. Darum darfst du darauf leben.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Denn er sprach, und es geschah; / er gebot, und es stand da!
Psalm 33, 9








