Fast jeder kennt das Gefühl: dazugehören wollen – oder jemanden spüren lassen, dass er es nicht tut. Was dabei nach menschlichem Maßstab zählt, und was vor Gott gilt, sind zwei sehr verschiedene Dinge. Ein kleiner Dialog bringt das auf den Punkt:
Ein Mann steht vor dem Eingang eines exklusiven Klubs. Der Türsteher fragt: „Sind Sie Mitglied?“
„Nein, aber mein Vater war Gründungsmitglied.“ – „Tut mir leid.“
„Und ich habe letztes Jahr gespendet.“ – „Tut mir leid.“
„Und ich kenne den Vorsitzenden persönlich!“ – Der Türsteher nickt höflich: „Das glaube ich Ihnen gern. Aber rein kommen Sie trotzdem nicht.“
Pause.
„Warum nicht?“ – „Weil Sie nicht eingeladen wurden.“
Menschen haben ein feines Gespür dafür, wer dazugehört und wer nicht. Wir lesen das an Äußerlichkeiten ab: Kleidung, Akzent, Nachname, Herkunft, Kontostand, Vereinsmitgliedschaft. Was wir dabei tun, nennen wir oft „Urteilsvermögen“. Wir sortieren. Wir gewichten und stufen ein.
Das ist menschlich. Aber es schleift sich ein. Irgendwann wird aus dem schnellen Einordnen eine Überzeugung: So ist das nun mal. Die einen gehören dazu, die anderen nicht. Manchmal wird auch ein religiöses Label darüber geklebt, damit man sich selbst nicht beunruhigt. Wer die richtigen Rituale kennt, die richtige Sprache spricht, die richtige Geschichte mitbringt, der darf rein. Wer nicht – der soll sich eben erst mal anstrengen.
Paulus sieht in der damaligen jungen Gemeinde in Rom genau hier ein Problem, das sich auftut. Juden und Heiden, die aus unterschiedlichen Kulturen, aus unterschiedlichen sozialen Schichten und mit unterschiedlichen Vorstellungen sich bekehrt haben und Christen geworden sind. Es drohten Situationen, die vergleichbar der berühmten Aussage „alle sind gleich, aber einige sind gleicher“ sind. Es geht um Identität, um Status, um die Frage: Wer gehört zur Gemeinschaft Gottes und wer hat das Sagen und die Deutungshoheit.
Doch Paulus zitiert in Römer 4 Abraham – den niemand in dieser Debatte ignorieren konnte. Und er zeigt, dass selbst Abrahams Stellung vor Gott nicht auf Leistung basierte. Nicht auf Herkunft. Nicht auf Verdienst. „Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm gerechnet zur Gerechtigkeit“, d.h. Gott sagte ihm was, er glaubte es und setzte es um. Das reichte aus. Vorher musste er nichts vorweisen, das als Eintrittskarte hätte zählen können.
Gott rechtfertigt den Gottlosen. Das griechische Wort, das Paulus im Ursprungstext benutzt, bezeichnet jemanden, der in keiner Beziehung zu Gott steht. Keinen Anspruch hat und nichts aufzuweisen hat. Genau dem spricht Gott Gerechtigkeit zu. Nicht als Lohn, sondern als Geschenk. Das ist ein „Gott hat mich angenommen.“
Wenn Gott dem Gottlosen Gerechtigkeit zuspricht, ist das nicht nur eine gute Nachricht für alle, die sich nicht zugehörig fühlen. Es ist gleichzeitig eine Anfrage an alle, die meinen, sie wären auf der richtigen Seite.
Wir sehen an vielen Stellen in der Bibel, dass vor Gott nicht Herkunft, Leistung oder Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder einem auserwählten Volk gilt. Was vor Gott gilt, ist die Bereitschaft, sich von ihm neu definieren zu lassen und ihm zu folgen. Das ist für viele die eigentlich schwierige Zumutung. Nicht von oben herabzuschauen ist leichter, wenn man unten steht. Aber zuzulassen, dass Gott die eigenen Maßstäbe für ungültig erklärt, kostet meistens Stolz und Bereitschaft sich von Gott korrigieren zu lassen.
Bevor du auf andere schaust, schau kurz auf dich selbst. Gott hat dich angenommen, ohne dass du vorher eine Leistung bringen musstest. Er hat dich beschenkt, ohne Vorbedingung, ohne Aufnahmeprüfung. Das ist der Kern des Evangeliums. Und dann schau dich um. Schau, mit welcher Härte Menschen miteinander umgehen und wie schnell jemand abgeschrieben wird. Schau, wie gründlich wir andere in Kategorien sortieren und wie wenig Spielraum wir einander lassen. Leg Gottes Maßstab daneben. Vielleicht wirst du feststellen, an welchen Stellen wir Menschen die Dinge bedeutender machen, als sie tatsächlich sind. Oftmals verschlimmern wir alles und nehmen uns selbst den Segen weg mit unserer Hartherzigkeit und ich-Bezogenheit.
Wie gehst du damit um, wenn du dir bewusst machst, mit welcher Gnade du von Gott behandelt wirst und wie hart du andererseits oftmals mit deinem Urteil bist? Was bedeutet für dich Barmherzigkeit und wie wird sie in deinem Reden und Handeln deutlich?
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Wenn aber jemand keine Leistungen vorweisen kann, sondern sein Vertrauen auf den setzt, der den Gottlosen gerecht spricht, dann wird ihm sein Glaube als Gerechtigkeit angerechnet.
Römer 4, 5







