Wenn Menschen an Nachfolge denken, denken sie oft zuerst an Verzicht. An das, was man aufgeben muss. Zeit, Sicherheit, Bequemlichkeit, vielleicht sogar Beziehungen. Tatsächlich kennen wir solche Mechanismen aus vielen Lebensbereichen. Ein Sektenführer verlangt oft absolute Loyalität. Wer also dazugehören will, soll kritische Fragen an die eigene Ideologie unterdrücken, alte Freundschaften aufgeben oder den Kontakt zur Familie einschränken. Politische Führer haben immer wieder Menschen dazu bewegt, ihre Überzeugungen, ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben für eine Ideologie zu opfern. Auch im Berufsleben begegnen uns ähnliche Dynamiken. Manche Unternehmen erwarten eine Hingabe für Firma und Unternehmenserfolg, die kaum noch Grenzen kennt: z.B. Überstunden werden selbstverständlich, die Familie rückt an den Rand und zerbricht, der eigene Wert wird an Leistung und Erfolg gemessen.
Wer einem Menschen folgt, zahlt häufig einen Preis. Deshalb könnte man zunächst skeptisch reagieren, wenn Jesus von Nachfolge spricht. Sofort kommt die menschliche Natur hoch. Nämlich die Angst, die in der Frage enthalten ist: Was werde ich verlieren, wenn ich nachfolge?
Jesu Worte in Matthäus 19, 29 klingen zunächst auch so, wie man es erwarten würde: „Und jeder, der meinetwegen Haus, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, …“ Doch Jesus bleibt dort nicht stehen. Der Satz endet mit einem Versprechen: „… bekommt es hundertfach zurück und wird das ewige Leben erhalten.“
An dieser Stelle unterscheidet sich Jesus von allen anderen Anführern. Er fordert Menschen nicht auf, ihre Identität für seine Ziele aufzugeben. Er nimmt ihnen etwas, das sie ohnehin nicht tragen können: die Last, sich selbst retten, beweisen oder erfinden zu müssen. Was er gibt, ist größer als das, was er fordert. Darum endet sein Ruf in die Nachfolge nicht mit Verlust, sondern mit einem Gewinn, der das ganze Leben verändert.
Der eigentliche Lohn der Nachfolge führt nicht in ein besseres Leben, sondern zu einer neuen Identität. Wer Jesus nachfolgt, übernimmt nicht einfach neue religiöse Gewohnheiten. Nachfolge verschiebt den Mittelpunkt des Lebens: weg von der Angst, nicht genug zu sein oder etwas zu verlieren. Hin zu etwas, das unser gewohntes Denken übersteigt.
Vorher suchen Menschen ihre Identität in dem, was sie besitzen, leisten oder darstellen. Jesus stellt das nicht grundsätzlich infrage. Aber er setzt etwas anderes an die erste Stelle: die Beziehung zu ihm. Das hat Folgen. Denn plötzlich ist mein Wert nicht mehr davon abhängig, ob ich erfolgreich bin. Meine Sicherheit hängt nicht mehr ausschließlich an meinem Besitz. Mein Ansehen bestimmt nicht mehr, wer ich bin. Nachfolge bedeutet deshalb immer auch eine innere Verschiebung. Das Zentrum meines Lebens wandert von mir selbst zu Christus.
Wenn Gott mein Vater ist, dann bin ich nicht mehr nur das Produkt meiner Vergangenheit. Wenn Christus mein Bruder ist, dann bin ich nicht mehr allein. Wenn ich zu Gottes Reich gehöre, dann reicht meine Geschichte weiter als bis zu meinem Tod. Der Christ erhält eine neue Zugehörigkeit.
Und diese neue Identität bleibt nicht privat – sie sucht Gemeinschaft. Die ersten Christen erfuhren das ganz praktisch. Manche haben Freunde verloren, Verwandte, gesellschaftliche Anerkennung. Juden galten nicht mehr als richtige Juden, Römer nicht mehr als richtige Römer. Und trotzdem – oder gerade deshalb – fanden sie in der Gemeinde neue Geschwister: nicht durch Herkunft oder Blut verbunden, sondern durch den Glauben an einen Gott.
Martin Luther sagt, dass alle Glaubenden zu einer neuen Familie gehören. Die Gemeinde ersetzt die Herkunftsfamilie nicht – aber sie erweitert sie. Wo Christus Menschen verbindet, entstehen Beziehungen, die soziale Grenzen, Herkunft und Lebensgeschichte überschreiten.
Nachfolge gibt auch Heimat. Und das ist kein kleines Wort in einer Zeit, in der viele eine tiefe Heimatlosigkeit erleben. Diese Heimat ist kein Ort, sondern Zugehörigkeit zu Christus. Deshalb konnten Christen durch die Jahrhunderte Verfolgung und Verlust ertragen: Was ihnen wirklich gehörte, konnte ihnen niemand nehmen.
Wer bereit ist loszulassen, empfängt etwas Größeres zurück: eine neue Identität, die trägt. Und hier liegt der eigentliche Lohn der Nachfolge. Nämlich Gott selbst. Wer Christus gewinnt, besitzt am Ende mehr, als er jemals verloren hat.
Was wäre, wenn das, was du gerade festhalten willst, genau das ist, was dich am meisten kostet?
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Und jeder, der meinetwegen Haus, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, bekommt es hundertfach zurück und wird das ewige Leben erhalten.
Matthäus 19, 29







