Es gibt Glaubenssätze, denen man leicht zustimmt – und Bibeltexte, die einem unangenehm nahekommen. Jakobus 2 gehört eindeutig zur zweiten Sorte. „Genauso ist es mit einem Glauben, der keine Werke aufweist. Für sich allein ist er tot“, schreibt er. Man spürt sofort den inneren Widerstand. Denn viele von uns haben gelernt, wir sind aus Gnade gerettet, nicht durch Leistung. Und jetzt kommt Jakobus um die Ecke und fragt plötzlich nach unserem Handeln, nach unserem Alltag, nach unserem Umgang mit Geld, Macht und Vorteil.
Genau an dieser Stelle setzte damals auch Martin Luther an – überraschend scharf und sehr konkret. Er führte keine theologischen Gedankenspiele, sondern schaute sich die Menschen um sich herum an. Er schaute in den Alltag, wo sich Glaube bewähren muss: auf den Markt, in den Handel, in ganz normale Alltagsentscheidungen. Nicht in große moralische Extremsituationen, sondern in scheinbar harmlose Fragen, wie z.B. wie gehe ich mit Preisen um? Nutze ich andere aus, wenn ich es kann? Beruhige ich mein Gewissen mit frommen Worten, während ich praktisch genau das Gegenteil lebe?
Bei Jakobus geht es um einen wichtigen Grundgedanken. Nämlich, dass echter Glaube nicht abstrakt bleibt. Der Glaube bleibt nicht etwas, das Privatsache und im Inneren bleibt. Auf keinen Fall ist der Glaube eine innere Überzeugung oder ein korrektes Bekenntnis. Er ist eine Kraft, die Beziehungen verändert – auch wirtschaftliche Beziehungen. Wer glaubt, dass Gott sich dem Menschen aus Gnade zuwendet, kann trotzdem nicht dauerhaft so leben, als gäbe es nur den eigenen Vorteil.
Das ist der Punkt, an dem es unbequem wird. Denn es geht nicht um spektakuläre Opfer, sondern um kleine Verschiebungen im Alltag. Knallharter Egoismus, der fromm getarnt wird. Es geht um Ehrlichkeit in der Beziehung zu Gott. Der Verlockung zu widerstehen, sich einen lohnenden Vorteil durch Unehrlichkeit oder Unterdrückung zu verschaffen. Es geht auch um Maßhalten, wo man rechtlich vielleicht alles dürfte oder bis zum letzten Millimeter die Grenzen ausnutzen könnte. Und es geht auch um die Frage, ob der andere Mensch mir mehr bedeutet als mein Gewinn. Luther hat das mit Begriffen, wie Geiz, Rücksichtslosigkeit und das bewusste Übervorteilen anderer beschrieben. Nicht als Randproblem, sondern als geistliche Diagnose seiner Zeit.
Aber sind wir heute so viel weiter als die Menschen damals?
Bei dieser Jakobus-Stelle berühren wir die Spannung, die viele Christen bis heute verunsichert. Wenn wir allein aus Gnade gerettet sind – warum spielt unser Handeln dann überhaupt eine Rolle? Die Antwort lautet nicht, weil Gott sonst unzufrieden wäre. Die Antwort lautet, weil Gnade etwas mit uns macht. Sie verändert uns, wenn wir loslassen und uns wirklich Gott hingeben.
Gnade ist im Neuen Testament kein Freispruch zur Gleichgültigkeit und geistlichen Faulheit, sondern ein Neuanfang mit Richtung. Paulus formuliert es zugespitzt: „Sollen wir an der Sünde festhalten, damit die Gnade sich noch mächtiger auswirken kann? Auf keinen Fall!“ (Römer 6,1–2). Jakobus sagt dasselbe mit anderen Worten: Ein Glaube, der nichts verändert, ist kein lebendiger Glaube. Ein Glaube, der nur Selbstzweck ist, ist tot.
Der britische Neutestamentler N. T. Wright bringt diese Spannung auf einen Punkt:
Wir werden nicht durch gute Werke gerettet, aber wir werden zu guten Werken gerettet.
Das ist keine Einladung zur Selbstkontrolle oder zum moralischen Dauerstress oder einem Punktesammeln für den Himmel. Im Gegenteil, es ist eine Einladung zur Ehrlichkeit.
Das ist kein moralischer Zusatz im Evangelium, sondern seine innere Logik. Gnade meint nicht nur Vergebung der Vergangenheit, sondern eine neue Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit, in der Menschen lernen, anders zu leben. Nicht perfekt, nicht angstfrei, aber ehrlich und in lebendiger Beziehung mit Jesus. Wo das Evangelium ernst genommen wird, beginnt es, das Gewissen zu schärfen – gerade dort, wo niemand zuschaut.
Gottes Gnade ist stark genug ist, um eingefahrene Muster zu verändern. Den reflexhaften Griff nach dem eigenen Vorteil, nach der eigenen Befriedigung der Sucht, die innere Rechtfertigung kleiner Ungerechtigkeiten, die Trennung von Sonntag und Montag im Verhalten.
Jakobus fragt am Ende nicht, wie stark unser Glaube sich anfühlt, sondern ob er unser Verhalten verändert. Ob wir anfangen, anders mit Menschen umzugehen – auch dann, wenn es uns etwas kostet.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Und dann sagt einer von euch zu ihnen: „Lasst es euch gut gehen! Hoffentlich könnt ihr euch warm anziehen und habt genug zu essen!“, aber er gibt ihnen nicht, was sie zum Leben brauchen. Was nützt ihnen das? Genauso ist es mit einem Glauben, der keine Werke aufweist. Für sich allein ist er tot.
Jakobus 2, 16-17








