Komm mit, folge mir

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Stell dir vor, du sitzt bei der Arbeit. Kein glamouröser Job. Nichts Spannendes. Eher einer, bei dem viele die Augen verdrehen, wenn sie hören, was du machst. Vielleicht, weil du für „das System“ arbeitest. Oder weil du mit Leuten zu tun hast, mit denen man sich eigentlich nicht zeigen sollte. Und dann kommt da jemand vorbei, bleibt stehen, schaut dich an und sagt nur zwei Worte: „Komm mit.“

So ähnlich ist die Szene, von der das Matthäusevangelium erzählt. Jesus sieht einen Mann am Zoll sitzen. Matthäus. Zöllner. Einer, der für die Besatzungsmacht Geld eintreibt. Einer, der profitiert. Und einer, der aus moralischer Sicht durchgefallen ist. Und genau diesen Menschen spricht Jesus an. Kein Vortrag. Keine Moralpredigt. Kein „Änder dich erst mal“. Nur ein „folge mir.“ Und Matthäus steht auf.

Jetzt müssen wir an dieser Stelle nicht bewundernd stehen bleiben. Wir könnten einen Schritt weiter gehen. Da liegt nämlich darin Trost liegt. Und zwar nicht ein billiger Trost, sondern echter und tiefer Trost. Jesus beruft Menschen, die alles andere als vorzeigbar sind. Nicht trotz ihrer Schuld, sondern mitten darin.

Martin Luther formulierte das drastisch. Er sprach von „großen ausnehmenden Sündern“, die eigentlich „mitten in der Hölle sitzen sollten“. Das klingt hart. Aber sein Gedanke ist klar: Wenn selbst solche Menschen in den engsten Kreis Jesu gehören, dann kann niemand sagen: „Für mich ist Gott zu gut.“ Oder „ich bin zu kaputt, zu falsch, zu spät.“

Wir haben auch heute sehr feine Antennen dafür, wer „dazu gehört“ und wer nicht. Wir sortieren schneller, als wir denken. Nach politischer Haltung. Nach Herkunft, Lebensstil, moralischen Scheitern. Und nach dem, was uns peinlich ist oder Angst macht. Und oft passiert das mit dem Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

Selbst Petrus – der große Vorzeigeschüler unter den Jüngern – hat keinen Grund, auf andere herabzuschauen. Er sitzt im selben Boot. In derselben Geschichte. In derselben Gnade. Er hat in mehreren schmerzhaften Lektionen gelernt, dass wer sich für besser hält, hat vergessen, woher er kommt.

Das ist unbequem. Denn es nimmt uns die moralische Überheblichkeit. Aber es schenkt etwas anderes: Freiheit. Freiheit, Menschen nicht zuerst nach ihrer Brauchbarkeit, Anpassung oder Sympathie zu beurteilen. Freiheit, im anderen mehr zu sehen als das, was mich triggert oder abstößt.

Wer nicht in einem christlichen Umfeld sozialisiert wurde, erlebt das Christentum durch Christen oft als abgrenzend: richtige Meinung, falsches Leben – drinnen oder draußen. Doch wenn wir zu den Wurzeln zurückgehen und auf den Text in Matthäus 9 schauen, dann sehen wir eine andere Geschichte. Jesus beginnt nicht mit Abgrenzung, sondern mit Nähe. Nicht mit Kontrolle, sondern mit Einladung.

Wer schon eine Weile Christ ist, für den liegt hier vielleicht der schärfste Impuls. Die Frage ist nicht nur, ob wir an Gnade glauben. Sondern, ob wir sie aushalten, wenn sie anderen gilt. Menschen, deren Lebensentwürfe wir unterschiedlich heftig ablehnen. Menschen, die Dinge sagen oder tun, die wir falsch finden. Oder Menschen, die uns fremd bleiben und mit denen wir uns am liebsten auch nicht beschäftigen möchten.

Das ist kein Phänomen der heutigen Zeit. Martin Luther entlarvte damals in seinen Texten die Gemeinschaft der Heiligen als das, was sie wirklich ist: keine Elite der Anständigen, sondern eine Gemeinschaft der Begnadigten. Wer das vergisst, beginnt auszusortieren. Wer sich daran erinnert, bleibt demütig und ist vorsichtig, mit wem er marschiert oder sympathisiert.

„Folge mir“ heißt dann nicht „werde erst besser“, sondern „komm mit, so wie du bist – und lass dich verändern.“ Und genau das ist unser Auftrag heute, gerade in der heutigen Zeit: nicht Grenzzäune zu ziehen, sondern Wege zu öffnen. Nicht Menschen auf ihre Fehler festzunageln, sondern in ihnen ein Geschöpf Gottes zu sehen. Auch dann, wenn es uns schwerfällt. Es geht nicht darum, die Fehler oder das Falsche gutzuheißen. Aber es geht darum, wie wir Probleme lösen und wie wir mit und über die Menschen sprechen, die uns nicht gefallen.

Denn wenn Jesus sich für Matthäus, den römischen Hauptmann, die Samariterin oder die Aussätzigen nicht zu schade war, dann sollten wir es heute für andere erst recht nicht sein. Und darin liegt der eigentliche Trost: Gott ekelt sich nicht vor unserer Unordnung – und traut uns deshalb zu, es ihm gleichzutun.

Er ist unser Vorbild, wir sind seine Nachahmer.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


Als Jesus weiterging und an der Zollstelle vorbeikam, sah er dort einen Mann sitzen, der Matthäus hieß. Er sagte zu ihm: „Folge mir nach!“ Matthäus stand auf und folgte ihm.

Matthäus 9, 9