Es gibt diese unausgesprochene Liste im Kopf. So müsste ein guter Christ aussehen. Nicht perfekt – aber bitte erkennbar „auf der richtigen Seite“, mit der richtigen Meinung, mit dem richtigen Denken und den richtigen Standpunkten. Genau an dieser Stelle setzt ein kurzer, aber explosiver Satz der Bibel an: „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit“ (1. Mose 15, 6).
Natürlich hatte Abram, der später von Gott den Namen Abraham bekam, schon vorher Glauben. Er hatte Gott vertraut, als er seine Heimat verließ und ins Ungewisse ging. Das war mutig, radikal, bewundernswert. Aber – und das ist entscheidend – das ist nicht der Maßstab für alle. Nicht jeder bekommt denselben Auftrag. Nicht jeder muss dasselbe leisten, riskieren oder verstehen.
Es geht um das Gerechtsein vor Gott. Das bedeutet, vor Gott „in Ordnung“ zu sein. Aber wie bekommt man dieses „In-Ordnung-Sein“?
Gerechtigkeit vor Gott entsteht nicht durch außergewöhnliche Taten, sondern durch Vertrauen in Gottes Zusage. „Gerechtigkeit“ klingt für uns schnell nach Moral oder Gesetzlichkeit oder nach Rechenschaft. Wie ein Zeugnis. Wie ein Punktestand. Oder wie: genug getan oder eben nicht. Die Bibel meint mit Gerechtigkeit etwas anderes. Es wird ein Urteil über die Beziehung gesprochen.
Stell dir einen romantischen Abend vor. Rosen, das richtige Licht, ein guter Wein – die Inszenierung ist perfekt. Wenn das gegenseitige Vertrauen fehlt, bleibt die Romantik eine bloße Inszenierung und Kulisse, die im Alltag nicht standhält. Echte Beziehung lässt sich nicht durch ein Arrangement herbeiführen. Beziehung ist das Fundament, das den Abend überhaupt erst wertvoll macht und überdauert.
Man könnte es so sagen: Gott schaut einen Menschen an und sagt: „Du bist ok. Ich stehe zu dir.“ Nicht, weil dieser Mensch fehlerlos wäre oder etwas geleistet hätte. Sondern weil er sich auf Gottes Wort verlässt.
Das sprengt viele religiöse Denkmuster, die wir aus verschiedenen Kulturen und unserer leistungsorientierten Erziehung kennen. Oft verwechseln wir Glauben mit einer Fassade aus christlicher Korrektheit: bestimmte Meinungen, moralische Positionen oder Sprachcodes. Dahinter steht oft die Sehnsucht nach einer glattpolierten Welt, in der alles nach unseren Regeln verläuft. Schnell entsteht dann der Eindruck: Wer so denkt wie wir, ist Gott näher.
Doch unsere begrenzten Vorstellungen reichen nicht an Gott heran. Er ist weitaus größer und legt einen Maßstab an, der uns herausfordert. Gerecht ist nämlich nicht, wer das perfekte Bild eines Vorzeigechristen abgibt oder eine Show abzieht, sondern wer Gott rückhaltlos vertraut.
Das ist übrigens kein billiger Trost. Glaube ist kein Kopfnicken. Glaube ist vertrauen, ein Sich-festklammern an einer Verheißung. In 1. Mose 15 geht es um den himmlischen Samen – um Gottes Rettungsplan für die Menschen. Was Gott vorhatte, ging in Abrams Kopf nicht rein. Irgendwie hatte er etwas verstanden, aber – wie wir in seinem weiteren Lebensverlauf sehen – eben nicht begriffen. Doch letztlich war aus Gottes Blickwinkel wichtig, dass Abram nicht an sich selbst glaubt. Abram ist seine eigene Entwicklung und seine persönliche Zukunft nicht so wichtig, wie das Vertrauen, das er an Gott hat. Dieser Glaube hat ihn „ok vor Gott“ gemacht.
Und genau deshalb wird dieser Satz für alle Zeiten festgeschrieben: Alle, die dieser Verheißung glauben, sind wirklich gerecht. Nicht „auf dem Weg dahin“. Nicht „mit Abzügen“. Auch nicht „unter Vorbehalt“.
Das ist für viele Menschen heute enorm entlastend. Denn viele haben gelernt, du musst erst innerlich sortiert sein, bevor du zu Gott kommen darfst. Erst die richtige Meinung. Erst ein halbwegs stabiles Leben und ein klarer Glaube. Zuerst in Vorleistung gehen und dann reicht es vielleicht, um vor Gott zu bestehen.
Die Bibel dreht es um. Nicht Ordnung oder Leistung bringt Beziehung – sondern Beziehung bringt Veränderung.
„Gerecht gesprochen“ heißt: Gott spricht ein Urteil über dich, das du dir selbst nicht geben kannst. Und dieses Urteil kommt vor deiner Leistung, vor deiner moralischen Klarheit, vor deiner inneren Reife.
Das bedeutet nicht: Alles egal. Aber es bedeutet: Dein Wert hängt nicht daran.
Vielleicht ist das die größte Herausforderung an dieser Bibelstelle, dass Gott größer ist als unsere christlichen Schablonen. Größer als das, was wir für „richtig“ halten. Größer als unsere Angst, falsch zu glauben.
Am Ende steht kein Appell, dich endlich zusammenzureißen. Ich möchte dich einladen: Vertrau unserem Gott, der dich gerecht nennt, bevor du es selbst sein kannst.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Abram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.
1.Mose 15, 6








