Manchmal erkennt man die Reife eines Menschen daran, wie er mit Leuten umgeht, die noch nicht so weit sind wie er. Und manchmal daran, ob er überhaupt auf die Idee kommt, dass er selbst derjenige sein könnte, der noch nicht so weit ist. In der christlichen Gemeinde in Rom wurde genau das zum Problem. Dort trafen Menschen mit sehr unterschiedlichen religiösen Biografien aufeinander. Paulus nennt sie die „Starken“ und die „Schwachen“. Das klingt zunächst nach einer Rangliste für Christen. Gemeint ist aber etwas anderes.
Viele Judenchristen waren damals mit den Geboten des Alten Testaments aufgewachsen. Speisevorschriften, Festtage und Sabbat gehörten zu ihrem Leben mit Gott. Nun glaubten sie an Jesus Christus. Trotzdem konnten sie nicht einfach über Nacht alles abstreifen, was ihr Gewissen jahrelang geprägt hatte. Einige verzichteten deshalb auf bestimmte Speisen oder aßen nur Gemüse, um nichts religiös Unreines zu essen.
Heidenchristen hatten diese Vorgeschichte nicht. Sie verstanden ihre Freiheit in Christus so, dass Speisevorschriften für ihre Beziehung zu Gott keine entscheidende Rolle spielten. Sie aßen ohne Bedenken, was auf den Tisch kam.
Die einen hielten die anderen für kleinlich. Und umgekehrt, hielten diese, die anderen für ungehorsam gegenüber Gott. Paulus schreibt deshalb: „Nehmt den, der im Glauben schwach ist, vorbehaltlos an und streitet nicht über seine Ansichten mit ihm.“ (Römer 14, 1).
Mit „schwach“ bezeichnet Paulus hier einen Menschen, der an Christus glaube, aber sein Gewissen noch stark an religiöse Vorschriften gebunden ist. Er kann die Freiheit, die andere bereits leben, selbst noch nicht mit gutem Gewissen nutzen. Diesen Menschen sollen die, die sich selbst für weiter halten, nicht von oben herab behandeln. Paulus sagte dazu sinngemäß: „Holt diesen Schwachen in eure Gemeinschaft. Gebt ihm einen Platz. Behandelt ihn als Bruder oder Schwester und nicht als theologischen Problemfall im Wartezimmer.“
Das ist wichtig, weil Paulus sofort hinzufügt, dass die Gemeinde den Schwachen nicht aufnehmen soll, um über seine Überzeugungen zu streiten. Annahme darf nicht bedeuten: „Du darfst dazugehören, aber wir erklären dir jetzt erst einmal ausführlich, warum du falschliegst.“
Es gibt viele Fragen in der Theologie, die nicht darüber entscheiden, ob ein Mensch durch Christus zu Gott gehört. Gerade dort können Christen zu unterschiedlichen Gewissensentscheidungen kommen. Paulus verlangt Rücksicht von beiden Seiten. Der Freiere darf den Vorsichtigen nicht verachten. Der Vorsichtige darf den Freieren nicht verurteilen. Beide gehören Christus. Paulus löst damit den Konflikt nicht dadurch, dass alle am Ende dasselbe tun müssen.
Hier liegt eine wichtige Lektion für christliche Gemeinden: Einheit ist nicht dasselbe wie Konformität. Anders ausgedrückt: Einheit bedeutet nicht, dass alle in einem Chor dieselbe Note singen, sondern dass unterschiedliche Stimmen denselben Grundton treffen und zusammen eine Harmonie bilden.
Christen können gemeinsam Jesus vertrauen und trotzdem bei manchen Lebensfragen verschiedene Positionen beziehen und Entscheidungen unterschiedlich treffen. Doch das wird schwierig, sobald aus der eigenen Gewissensentscheidung ein Maßstab für alle anderen wird. Und wer aus seiner persönlichen Gewissensgrenze ein Gesetz für alle macht, verwechselt Treue mit Kontrolle.
Martin Luther beschreibt bei diesem Thema einen Christen so: Ein Christ solle nach außen ein „lastbares Tier“ sein, das die Last des anderen trägt.
Christliche Reife zeigt sich nicht nur darin, was ich verstanden habe. Sie zeigt sich darin, was meine Erkenntnis mit meinem Umgang mit anderen macht. Wer seine Freiheit benutzt, um auf andere herabzusehen, hat zwar möglicherweise die richtige theologische Antwort gefunden, aber noch nicht gelernt, mit der Antwort so umzugehen, wie Jesus uns befohlen hat: nehmt einander an. Darum müssen die Starke nicht beweisen, dass sie recht haben. Aber sie können etwas Besseres tun: andere tragen.
Dabei sind die Rollen nicht lebenslang verteilt. Heute bist du vielleicht stark genug, die Unsicherheit eines anderen auszuhalten. Morgen bist du derjenige, dessen Glaube wackelt und der einen Menschen braucht, der nicht gleich die Geduld verliert. Und das ist eine der schönsten Seiten von Gemeinde: Wir müssen nicht gleichzeitig stark sein.
Wo könntest du einem anderen mehr Freiheit lassen? Und wo solltest du dir selbst erlauben, dorthin getragen zu werden, sodass du weiter kommst?
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Nehmt den, der im Glauben schwach ist, vorbehaltlos an und streitet nicht über seine Ansichten mit ihm.
Römer 14, 1








