Die Nacht hing über dem Lager wie ein schwerer Vorhang. Vor den Israeliten lag das Meer, dunkel, bedrohlich und unbeweglich. Hinter ihnen bebte die Erde. Erst war es nur ein fernes Grollen gewesen. Jetzt klirrten die Wagenräder und die Hufe der Pferde hämmerten auf den harten Boden. Eine Staubwolke erhob sich über der Ebene. Der Pharao kam. Mit ihm seine Streitwagen, seine Soldaten. Er brauchte alles mit, was er brauchte, um den entlaufenen Arbeitskräften seine ganze Macht aufzuzwingen.
„Wir müssen zurück!“, rief einer. „Wenn wir uns ergeben, lassen sie vielleicht einige von uns am Leben. Als Sklaven. Aber wenigstens leben.“
„Du hast uns hierhergebracht!“, schrie ein anderer Mose entgegen. „Warum hast du uns aus Ägypten geführt? Damit wir hier sterben?“ Menschen drängten sich um ihn. Manche weinten. Manche schrien. Andere standen stumm da und starrten aufs Meer. Sie hatten Ägypten verlassen, weil sie frei sein wollten. Sie sind einem Führer gefolgt, der ihnen von Gott erzählte und in ein Land führen wollte. Jetzt fragten sie sich, ob das der größte Fehler ihres Lebens gewesen war. Sind sie einem Größenwahnsinnigen gefolgt?
Kinder klammerten sich an ihre Eltern. Ein Mann zog hastig seine Familie aus der Nähe der Pferde. Jemand betete laut, doch seine Stimme brach. Nur wenige wagten noch zu hoffen. Einige wenige hielten die Hände ineinander verschränkt und flüsterten: „Gott hat uns bis hierher geführt. Vielleicht lässt er uns nicht allein.“
Auch Mose sah die Staubwolke. Auch er hörte die Schreie. Schreie des verzweifelten Volkes. Aber auch triumphierende Kriegsschreie der heranstürmenden Soldaten. Es wurde unangenehm. Die Fluchtwege abgeschnitten. Vor ihm das Wasser. Hinter ihm das Heer des Pharao. Kein Ausweg, den ein Mensch hätte sehen können.
Wie ein Licht durch die Dunkelheit kam Gottes Frage an Mose: „Was schreist du zu mir?“ (2. Mose 14,15). So als wollte Gott zum ganzen Volk sagen „Ich bin doch nicht taub. Ich habe euch gehört. Vertraut ihr mir nicht? Ihr sollt aufbrechen. Macht den nächsten Schritt. Ich begleite euch. Auch wenn ihr stolpert. Auch wenn ihr euch wehtut. Ich bleibe bei euch.“
Mose hob seinen Stab. Der Wind fuhr auf und peitschte die Wasseroberfläche. Erst schien nichts zu geschehen. Dann bewegte sich das Meer. Wasser wich zurück, der Wind riss eine Gasse in die Fluten. Wo eben noch das dunkle Wasser gestanden hatte, lag plötzlich ein Weg.
Menschen wichen zurück. Dann ging einer los. Ein Fuß tastete nach festem Boden. Der nächste folgte. Die Menge setzte sich in Bewegung. Links und rechts türmte sich das Wasser, hoch wie Mauern. Über ihnen tobte der Wind. Hinter ihnen drängte das Heer heran. Vor ihnen lag der Weg durch die Nacht. – Sie waren noch nicht am Ziel. Aber sie gingen. Schritt für Schritt, mitten durch das Meer.
Du und ich kennen solche Momente, in denen wir vor einer Wand stehen und hinter uns alles enger wird. Ein Gespräch, das wir fürchten. Eine Diagnose oder ein Streit, der feststeckt. Vielleicht rufen andere: „Gib auf.“ Vielleicht machen sie dir Vorwürfe, vielleicht beschuldigst du dich selbst. Angst ist kein Beweis, dass du Gott nicht vertraust. Die Israeliten hatten Angst und zeigten im Laufe der Geschichte mehrmals ihren Unglauben – und Gott ließ sie trotzdem nicht allein. – Und so geht Gott auch mit uns um. Er lässt uns nicht allein!
Vertrauen heißt nicht, den ganzen Weg zu kennen oder keine Angst zu haben. Manchmal reicht es aus, einfach nur den nächsten Schritt zu tun. Z.B. jemanden anrufen, Hilfe holen, eine Entscheidung treffen, wieder aufstehen. Gott hat kein Leben ohne Schmerz versprochen. Aber wenn du dir deinen großen Zeh an einem Stein stößt und fluchst, weil es verdammt wehtut, Gott lässt dich mit deinem Schmerz nicht allein.
Die Geschichte des Mose am Meer verspricht nicht, dass jede Gefahr vor den Augen verschwindet. Sie erzählt von einem Gott, der sein Volk hört und ihm einen Weg öffnet. Was dein nächster Schritt ist, damit das Meer zurückweicht, das vor dir liegt, musst du vielleicht erst noch herausfinden. Mose bekam keinen Blick auf den ganzen Weg, sondern den Auftrag aufzubrechen.
Bitte Gott darum, dich zu begleiten. Bitte auch andere um Hilfe. Manchmal wird Gottes Nähe durch ein offenes Ohr, eine helfende Hand oder einen Mit-Christen spürbar, der ein mahnendes oder ermutigendes Wort hat.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Was schreist du zu mir?
2. Mose 14,15







