Es gibt eine besondere Art von Müdigkeit, die nichts mit Schlaf zu tun hat. Man ist nicht erschöpft, weil man zu wenig geschlafen hat, sondern weil man zu lange gegen verschlossene Türen geredet hat. Man wollte helfen – und wurde missverstanden. Man hat sich getraut ehrlich zu sprechen – und bekam Spott oder Ablehnung zurück. Oder man hat geliebt – und plötzlich stand man da wie jemand, der alles falsch gemacht hat. Es entsteht eine Verbitterung.
Auch David hat das erlebt und das Erlebte in einem Psalm verarbeitet. Psalm 109 gehört zu den sogenannten Feind- oder Klagepsalmen. Das sind Gebete, in denen Menschen ihre Angst, Wut und Verletzung vor Gott aussprechen. Der Beter erlebt Anklage, Verleumdung und Hass, obwohl er selbst Liebe gezeigt hat. Diese Intensität macht den Psalm schwer verdaulich, da einige Verse durch ihre heftige Ausdrucksweise regelrecht schockieren. Aber wir müssen hier unbedingt beachten, dass der Beter die Rache nicht selbst in die Hand nimmt. Er bringt seine Feinde, seinen Schmerz und sein Bedürfnis nach Gerechtigkeit vor Gott. Dieser Psalm ist also kein Freibrief, andere Menschen zu verachten. Er zeigt vielmehr, wie ein verletzter Mensch seine dunklen Gefühle nicht verdrängt, aber auch nicht in Gewalt verwandelt. Er legt sie Gott hin.
Oftmals wird Wahrheit nicht automatisch dankbar angenommen. Wer einen wunden Punkt berührt, wird manchmal nicht als Helfer gesehen, sondern als Störenfried. Das gilt in Glaubensfragen, aber auch im Alltag. Z.B. in Familien, in Freundschaften, am Arbeitsplatz. Jemand spricht ehrlich an, was schiefläuft – und plötzlich wird nicht mehr über die Sache gesprochen, sondern über die Person. Aus der Wahrheit wird ein Angriff gemacht. Aus Liebe wird ein Vorwurf.
Martin Luther schrieb dazu sehr klar und sagte sinngemäß, dass das größte Unglück nicht Armut ist, Krankheit oder äußerer Widerstand, sondern ein „verstocktes, verblendetes und verhärtetes Herz“. Das klingt hart, trifft aber einen tiefen Punkt. Ein verhärtetes Herz ist ein Herz, das nicht mehr hören will. Es schützt sich so sehr, dass keine Wahrheit mehr hineinkommt. Es verteidigt sich gegen jede Korrektur und verwechselt Stolz mit Stärke und Freiheit. Irgendwann wird es unfähig, Gutes überhaupt noch als gut zu erkennen.
Das ist eine ernste Warnung, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Es wäre nämlich zu einfach zu sagen: „Genau so sind die Menschen, die mir das Leben schwer machen.“ Aber dieser Psalm hält uns eher einen Spiegel vor. Denn ein hartes Herz kann auch in mir wachsen. Und zwar, wenn ich keine Kritik mehr hören will, wenn ich nur noch Menschen glaube, die mir recht geben. Oder wenn alte Verletzungen mich innerlich verschließen und ich auch nicht mehr darüber hinwegkommen möchte. Darum lautet die eigentliche Frage nicht nur: „Warum sind die anderen so?“ Sondern auch: „Wo werde ich selbst bitter, eng und unversöhnlich?“
Denn Bitterkeit ist oft nichts anderes als Schmerz, der keine Richtung mehr findet. Die Bitterkeit sagt: „Ich vergesse das nie.“ Sammelt Beweise. Wiederholt alte Sätze, baut innerlich Gerichtsakten. Und ja, manchmal hat sie Gründe. Das wird in der Bibel auch nicht verharmlost. Dieser Psalm zeigt uns einen Weg, wie damit umzugehen ist: „Ich aber bete.“
Das Gebet ist in dieser Situation keine Flucht, sondern eine Form des inneren Widerstands. Es bewahrt uns davor, innerlich hart zu werden. Wenn wir mit Gott sprechen, dann treten wir einen Schritt zurück und lassen Gott den Vortritt. Ich muss also nicht Richter, Staatsanwalt und Vollstrecker zugleich sein. Gott kennt die Wahrheit und weiß wie es gemeint ist, auch dort, wo sie manipuliert wird. Gott sieht klarer und weiter als ich. Und Gott kann Herzen erreichen, die für mich längst verschlossen sind.
Das heißt nicht, dass wir jede Beziehung einfach weiterlaufen lassen müssen. Manchmal braucht es Grenzen. Manchmal muss man Abstand nehmen, Hilfe suchen, klar widersprechen. Christliche Liebe bedeutet nicht, sich endlos verletzen zu lassen. Aber selbst dann bleibt die Frage: Was geschieht in mir? Werde ich hart, verbittert und kommt dann Gift aus meinem Herzen heraus? Oder bleibe ich offen für Gottes Arbeit an meinem Herzen, um mich zu verändern?
Dieser Gedanke ist unbequem und tröstlich zugleich. Unbequem, weil er uns warnt: Ein verhärtetes Herz ist ein großes Unglück. Tröstlich, weil er uns einen Weg zeigt: Wenn Liebe zurückgewiesen wird, muss sie nicht in Hass kippen. Wenn Wahrheit verdreht wird, muss ich nicht an der Verdrehung zerbrechen. Wenn ich nichts mehr ändern kann, kann ich immer noch mit Gott sprechen.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Für meine Liebe feinden sie mich an, / doch ich bleibe stets im Gebet.
Psalm 109, 4







