Wo Gnade gefährlich wird

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Gnade klingt harmlos. Tröstlich. Beruhigend. Ein Wort für Menschen, die scheitern. Doch genau darin liegt das Missverständnis. Bei Paulus ist Gnade kein weiches Kissen, sondern eine Herausforderung für unsere Selbstsicherheit.

Es gibt diese Momente, in denen man innerlich ein Häkchen setzt. Nicht laut, nicht stolz – eher beiläufig. Das habe ich richtig gemacht. So hätte man reagieren sollen. Da war ich fair. Vielleicht nach einem Gespräch, einer Entscheidung, einem Konflikt. Man spürt eine leise Zufriedenheit. Kein Triumph. Eher Erleichterung. Das Gefühl: Ich stehe auf der richtigen Seite.

Genau dort beginnt etwas, das schwer zu fassen ist. Denn dieses gute Gefühl bleibt selten allein. Es verbindet sich mit Vergleichen. Mit Bewertungen. Mit inneren Abgrenzungen. Z.B. „So würde ich das nie sagen.“, „so unsensibel bin ich nicht“ oder „ich habe da differenzierter nachgedacht.“ Und plötzlich wird das eigene Gute nicht nur zu einer Tat, sondern zu einem Maßstab, der nicht mehr ernsthaft hinterfragt wird.

Das Unangenehme daran, es fühlt sich nicht falsch an. Im Gegenteil. Es fühlt sich verantwortungsvoll an. Reflektiert. Moralisch sauber. Und doch kann sich genau hier etwas verschieben – fast unmerklich. Das eigene Denken wird zum Schutzraum. Die eigene Haltung zum Beweis. Das Gewissen beruhigt sich nicht mehr an Wahrheit, sondern an Selbstbestätigung. Man lässt keine neuen Gedanken an sich heran, die störend sein könnten und diskutiert alles weg.

Martin Luther hatte solche Dinge ebenfalls beobachtet und sprach damals von einer geistlichen Grundgefahr. Nicht, weil gute Taten schlecht wären. Sondern weil der Mensch dazu neigt, sich innerlich auf sie zu stützen. Und genau das, so Luther, macht blind – nicht blind für das Böse, sondern blind für sich selbst.

Wenn Paulus in Galater 2 schreibt, dass der Mensch nicht durch „Werke des Gesetzes“ gerecht wird, dann spricht er nicht zuerst über moralische Kleinigkeiten oder religiösen Ehrgeiz. Er spricht letztlich über die Gefahr der Selbstgerechtigkeit, die sich von hinten und unbemerkt in das Leben eines Gläubigen hineinschleicht.

Doch Paulus widerspricht nicht den guten Taten. Im Gegenteil, er rechnet fest damit, dass Glaube sichtbar wird. Gute Taten sind eine Folge der Beziehung zu Gott. Er widerspricht aber der Logik, mit der sie gemacht werden. Sie sind für ihn „Werke des Gesetzes“, weil der Mensch sich darauf verlässt, um vor Gott bestehen zu können.

Aber vor Gott bestehen ist nur möglich durch seine Gnade, die er jedem schenkt, der sie annehmen möchte. Es bedeutet von Gott akzeptiert, angenommen zu sein und das Schuldkonto ausgeglichen bekommen zu haben.

Wie oft geht es in manchen Köpfen leise der Gedanke, ich tue soviel und andere tun so wenig? Wenn das Vergleichen beginnt, dann entstehen Abgrenzungen und innere Hierarchien. Manche fühlen sich überlegen, andere zerbrechen. Beides verfehlt das Evangelium.

Es ist sehr menschlich, wenn wir Halt suchen in dem, was wir vorweisen können. Was wir festhalten, zählen und auflisten können, gibt Sicherheit. Und es ist ja nicht böse gemeint. Und genau dort setzt Paulus seine Kritik an.

Das Problem ist nicht das Tun, sondern das Vertrauen auf die eigene Leistung, das die ehrliche Dankbarkeit für die Gnade verdrängt. Die Gnade gerät in den Hintergrund und man sieht sich selbst als „guter Mensch“, zu dem man sich selbst gemacht hat. Vielleicht auch als jemand, der es besser verdient hat, als andere.

Ein bisschen Christus, ein bisschen Selbstabsicherung. Das ist kein Kompromiss, sondern ein Rückfall. Denn sobald das eigene Tun wieder Grundlage wird, verliert der Glaube seine befreiende Kraft. Er wird zur Ergänzung, nicht zur Basis.

Diese Botschaft ist deshalb bis heute unbequem. Sie zwingt dazu, sich selbst zu hinterfragen: Worauf baue ich mein inneres Gleichgewicht? Was beruhigt mein Gewissen wirklich? Mein Denken? Meine Haltung? Meine moralische Klarheit?

Paulus lädt zu einer Form von Misstrauen gegenüber sich selbst. Wer sich nicht mehr selbst rechtfertigen und danach gehen muss, was andere über einen denken könnten, kann offener leben. Ehrlicher. Lernfähiger. Und gnädiger – mit sich selbst und mit anderen sein.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


Trotzdem wissen wir, dass kein Mensch vor Gott bestehen kann, wenn er versucht das Gesetz zu halten. Bestehen kann er nur durch den Glauben an Jesus Christus. Darum haben wir ja Christus vertraut, um durch den Glauben an ihn bei Gott angenommen zu werden – und nicht durch Erfüllung des Gesetzes. Kein Mensch kann durch Gesetzeserfüllung die Gerechtigkeit erreichen, die vor Gott gilt.

Galater 2, 16