Viele Christen tragen eine leise Sehnsucht in sich: Wäre unser Land nicht besser dran, wenn es wieder christlich wäre? Christliche Werte, christliche Maßstäbe, eine Gesellschaft, die sich am Glauben ausrichtet? Es klingt fromm. Aber dahinter steckt die Frage: Muss ein Staat überhaupt christlich sein? Hat Gott eine Gottesherrschaft auf Erden vorgesehen, in der christliche Werte durchgesetzt, verlangt und erwartet werden?
Von der Antwort hängt viel ab. Wer meint, das Ziel sei ein christlicher Staat, wird kämpfen, um christliche Werte durchzusetzen – notfalls mit Druck, Gewalt und Zwang. Wer meint, Glaube und Staat hätten nichts miteinander zu tun, wird sich heraushalten und die Welt sich selbst überlassen. Beide Wege berufen sich auf die Bibel. Und beide, so viel sei vorweggenommen, führen an der Bibel vorbei. Denn die Bibel fragt bei einem Staat nicht zuerst, ob er sich zu Gott bekennt, sondern ob er Gerechtigkeit übt und das Gute tut. Nicht das Etikett zählt, sondern die Frucht.
Dieser Artikel geht der Frage entlang eines berühmten theologischen Themas nach, das die Kirche „Zwei-Reiche-Lehre“ nennt. Wir schauen uns zuerst die verschiedenen Begriffe dazu an und fragen dann, was die Bibel selbst dazu sagt. Wir sehen, wie Theologen wie Augustinus und Luther diese aus der Bibel Erkenntnise abgeleitet und durchdacht haben. Daraus lassen sich Aussagen für unsere heutige Zeit ableiten, die uns Orientierung geben.
Ein Begriff, viele Namen
Zu diesem Thema kursieren mehrere Begriffe, die oft durcheinandergehen. Das Durcheinander ist nicht harmlos.
„Reich“ oder „Regiment“? Ein folgenreicher Unterschied
Der gebräuchlichste Ausdruck ist „Zwei-Reiche-Lehre„. Dieser Begriff wird oft fälschlich Martin Luther zugeschrieben. Auf ihn geht zwar Lehre zurück, aber er hat diesen Begriff nie benutzt. Der Begriff wurde erst im 20. Jahrhundert vom Schweizer Theologen Karl Barth als Vorwurf und negativer Kampfbegriff verwendet. Barth benutzte ihn, um jene Christen zu kritisieren, die sich mit Hilfe dieser Lehre vor politischer Verantwortung wegduckten.
Luther selbst redete damals von zwei Regimenten. Das lateinische Wort dahinter, regimentum, meint nicht ein Land oder Gebiet, sondern eine Regierungsweise – also die Art und Weise, wie regiert oder gehandelt wird. Daneben benutzte er die Bilder vom „Reich zur Rechten“ und „Reich zur Linken“ Gottes. Das klingt spontan nach zwei getrennten Ländern mit einer Grenze dazwischen – hier das eine, dort das andere, und ein Zaun mittendurch. Aber so war das nicht gemeint. „Regiment“ meint zwei Arten zu regieren.
Bildlich gesprochen kann man es sich an einem Vater klarmachen. Gegenüber seinem Kind handelt der Vater auf zwei ganz verschiedene Weisen – und beides ist Liebe. Gesteht das Kind einen Fehler, nimmt er es in den Arm und vergibt. Will dasselbe Kind auf die befahrene Straße vor einem Auto rennen, hält er es fest, wird streng und laut, setzt mit Gewalt eine Grenze – notfalls gegen dessen Willen. Zärtlichkeit und Strenge sehen entgegengesetzt aus, aber sie kommen aus einem Herzen und wollen dasselbe: dass es dem Kind gut geht.
So regiert Gott die Welt auf zwei Weisen – und beide gelten dem Menschen, nicht ihm selbst. Das Evangelium schenkt Vergebung. Die weltliche Ordnung ist kein Mittel, das Gott bräuchte, sondern eine Hilfe für den fehlbaren Menschen, der ohne sie nicht auskommt. Verschiedene Wege, dieselbe Absicht: das Leben der Menschen.
Wer diesen Unterschied einmal verstanden hat, liest alles Weitere mit dem richtigen Bild im Kopf.
Was oft verwechselt wird
Zwei weitere Begriffe begegnen einem, die eine Bedeutung erlangt haben und die man leicht mit der Zwei-Regimente-Lehre verwechselt – dabei meint jeder Begriff etwas anderes.
Der erste ist die Sphärensouveränität. Sie stammt aus der reformierten Richtung der Reformation. Doch dazu später mehr. Vorab schon mal den Unterschied: Die Zwei-Regimente-Lehre unterscheidet zwei Weisen, wie Gott regiert – geistlich und weltlich. Die Sphärensouveränität dagegen unterscheidet verschiedene Lebensbereiche: Familie, Staat, Kirche, Wissenschaft. Jeder Lebensbereich hat seine eigenen Regeln, stehen aber alle unter der Herrschaft Christi. Das eine sortiert Gottes Regierungsweisen, das andere die Bereiche des Lebens.
Der zweite ist die Trennung von Kirche und Staat. Doch hier gibt es den Unterschied, dass das überhaupt keine Glaubenslehre ist, sondern eine rechtlich-staatliche Regelung. Eine Frage des Grundgesetzes, nicht des Evangeliums. Sie hat historisch zwar eine Wurzel in diesen theologischen Überlegungen, gehört aber auf eine andere Ebene: Der Staat regelt sein Verhältnis zur Kirche organisatorisch, während die Zwei-Regimente-Lehre beschreibt, wie Gott die Welt regiert.
Was die Bibel dazu sagt
Bevor wir schauen, was Theologen aus dem Thema gemacht haben, muss die Bibel selbst zu Wort kommen. Denn sie ist der Maßstab, an dem sich jede Lehre messen lassen muss. Und ihre Antwort ist überraschend – sie beantwortet die Eingangsfrage fast beiläufig, aber unmissverständlich.
Wer die Bibel nach dem idealen Staat durchsucht, erwartet vielleicht ein Vorbild: ein Volk, ein Reich, an dem Gott zeigt, wie fromme Herrschaft aussieht. Doch das Gegenteil springt ins Auge. Immer wieder gebraucht Gott ausgerechnet heidnische, ihn nicht kennende Herrscher als seine Werkzeuge – und zwar in beide Richtungen, zum Guten wie zum Gericht.
Der persische König Kyros, der den Gott nicht kennt, bekommt bei Jesaja sogar den Ehrentitel „mein Gesalbter“. Ein heidnisches Großreich wird sein Gerichtswerkzeug: Durch Babylon straft Gott sein eigenes ungehorsames Volk – und lässt den Verbannten dort ausrichten, sie sollten der fremden Stadt sogar dienen und für sie beten (Jeremia 29,7). Und im Neuen Testament heißt ausgerechnet das Rom, das Christen verfolgte, „von Gott eingesetzt“.
Drei Herrscher, keiner von ihnen gläubig, alle drei im Dienst Gottes. Das zeigt: Gott braucht keinen christlichen Staat (Theokratie), um durch Gesetze und Gerichte Gutes zu bewirken. Er gebraucht, wen er will – und niemand braucht Stolz darauf sein, Gottes bevorzugtes Reich oder Volk zu sein.
Das heißt aber nicht, dass es Gott gleichgültig wäre, wie eine Regierung handelt. Hier schließt sich der Kreis zur Eingangsfrage. Denselben Herrschern, die er gebraucht, legt Gott einen Maßstab an. Aber nicht den Maßstab des richtigen Bekenntnisses, sondern den des richtigen Handelns. Er verlangt Recht und Gerechtigkeit, den Schutz der Schwachen, wie es die Propheten den Königen unermüdlich vorhielten. Gott sucht keine frommen Etiketten. Er sucht gute Frucht.
Damit ist die Eingangsfrage im Grunde beantwortet. Der Traum von der durchgesetzten Gottesherrschaft, in der christliche Werte einer ganzen Gesellschaft auferlegt werden, ist nicht das Ziel, auf das die Bibel zusteuert. Und Jesus selbst setzt den Schlusspunkt: Als die Menschen ihn mit Gewalt zum König machen wollen, entzieht er sich. Vor Pilatus sagt er den entscheidenden Satz: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18,36). Er gründet keine Partei, ergreift keine Macht, erzwingt nichts. Denn ein Glaube, der mit dem Schwert durchgesetzt wird, ist kein Glaube mehr, sondern Unterwerfung. Gott will keine erzwungenen Untertanen. Er will Menschen, die sich ihm freiwillig zuwenden.
Auch nicht für den eigenen Vorteil
Das hat eine unbequeme Kehrseite, die den Leser selbst betrifft. Wenn schon Gott keinen christlichen Zwangsstaat anstrebt, dann kann auch das Ziel eines Christen nicht sein, sich mit Hilfe der Politik eine möglichst angenehme, christlich möblierte Umgebung einzurichten. Weder der Wunsch nach einer bequemen Welt für mich selbst, noch die Sorge um ein behütetes Umfeld für meine Kinder, ist ein tragfähiger Grund, christliche Werte einer Gesellschaft aufzwingen zu wollen. Das wäre am Ende nur ein frommer Name für Eigennutz.
Christen haben nicht den Auftrag, christliche Werte in dieser Welt durchzusetzen – auch nicht um der eigenen Kinder willen. Wer politisch handelt, tut es nicht, um es sich ganz eigensinnig in der Welt gemütlich zu machen, sondern um dem Nächsten zu dienen und dem Recht Raum zu geben.
Genau hier liegt der Kern, an dem sich alles Weitere messen muss: Gott regiert die Welt – er regiert auf zwei verschiedene Weisen zugleich. Und diese beiden Weisen haben spätere Theologen zu ordnen versucht.
Wie es gemeint war
Die Frage, wie sich Gottes Herrschaft und die weltliche Macht zueinander verhalten, ist uralt. Schon über tausend Jahre vor der Reformation schuf der Kirchenvater Augustinusmit mit seinem Werk De civitate Dei ein Fundament für die gesamte abendländische Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Kurz zum Kontext: Nach der Christianisierung des Römischen Reiches unter Kaiser Konstantin hatte sich im 4. Jahrhundert zunächst eine gefährliche theologische Illusion breitgemacht. Viele glaubten, mit dem christlichen Imperium sei das Reich Gottes auf Erden bereits greifbar nah. Man hielt Rom für von Gott auserwählt, ewig und unersetzlich für die Menschheitsgeschichte. Ihr bekanntester Vertreter war der Geschichtsschreiber Eusebius, der in seinen Schriften über Konstantin den christlichen Kaiser als Abbild des himmlischen Herrschers feierte und in dessen Reich beinahe schon den Anbruch von Gottes Reich auf Erden sah – nach dem Leitbild „ein Gott, ein Kaiser, ein Reich“.
Als Rom dann im Jahr 410 durch die Westgoten geplündert wurde, brach dieses Denkmodell und für viele Zeitgenossen eine Welt zusammen. Die heidnischen Römer machten sogar das Christentum verantwortlich: Seit Rom den alten Schutzgöttern den Rücken gekehrt habe, sei das Reich verfallen.
Augustinus antwortete auf beides – auf die heidnische Anklage und auf die christliche Illusion – mit einem größeren Bild. Er beschrieb zwei „Städte“ bzw. Bürgerschaften, die durch die Geschichte hindurch untrennbar ineinander verwoben sind. Einmal die Stadt Gottes (civitas Dei) und dazu die irdische Stadt (civitas terrena). „Stadt“ meint dabei keinen Ort auf der Landkarte und keine Institution, sondern zwei Ausrichtungen des menschlichen Herzens – die Liebe zu Gott, die sich verschenkt, und die Selbstliebe, die nach irdischer Macht greift. Die Grenze zwischen beiden läuft nicht zwischen Kirche und Rathaus, sondern mitten durch jeden Menschen hindurch.
Damit entlarvte Augustinus diese Illusion, dass Gott ein bestimmtes Reich oder Volk für sein Heil brauche. Was damals als Verklärung des Römischen Reiches begann und in späterer Zeit oft in gefährlichen Nationalismus umschlug, korrigierte er mit der Schlussfolgerung: Der Staat ist kein Heilsbringer, sondern schlicht ein Werkzeug für Recht und Ordnung. Politik und Staat bzw. Ideologien haben auch keinen göttlichen Rang, sondern sind einfach nur irdische Zweckbündnisse. Der Untergang eines irdischen Imperiums bedeutet niemals das Ende des Heilsplanes Gottes. Staaten kommen und vergehen – kein irdisches Gebilde ist mit Gottes Reich identisch.
Direkt aus der Bibel leitete er ab, was Gott von Regierenden wirklich erwartet: Recht, Ordnung und den Schutz des Lebens. Christen leben loyal als Bürger auf Zeit – ohne den Staat zu vergötzen oder an ihm zu verzweifeln.
Luther: ein Gott, der auf zwei Weisen regiert
Auf diesem Fundament baute Martin Luther über ein Jahrtausend später auf und schärfte den Gedanken weiter. Als Augustiner-Eremitenmönch kannte er diese Schriften von Augustinus genau. Aber er verankerte das Prinzip direkt im Kern seiner Rechtfertigungslehre: Der Mensch wird nicht durch Leistung vor Gott gerecht, sondern allein durch Glauben, allein aus Gnade. Über das Innerste des Menschen – sein Gewissen und sein Seelenheil – kann keine irdische Macht herrschen. Dort regiert Gott allein durch sein Wort, während der weltliche Staat das äußere Zusammenleben mit Gesetzen sichert.
Daraus formte Luther seine Unterscheidung der zwei Regimente. Gott regiert die Welt auf zwei Arten. Im geistlichen Regiment regiert er unmittelbar, durch Wort und Geist, im Herzen der Menschen. Hier gelten Vergebung, Gnade, Liebe. Hier trägt niemand ein Schwert. Im weltlichen Regiment regiert er mittelbar – durch Obrigkeit, Gesetz und Gerichte. Hier gelten Recht und Ordnung, und hier gibt es zur Not auch Zwang, weil das Böse sonst überhandnähme.
Die andere Sichtweise – unter die Bibel gestellt
Neben der lutherischen Linie steht eine zweite große Tradition: die reformierte, die auf Calvin zurückgeht und beim niederländischen Theologen Abraham Kuyper ihre schärfste Form fand. Kuypers berühmter Gedanke: Es gibt keinen Fußbreit im menschlichen Leben, von dem Christus nicht sagt: „Das ist mein!“ Nicht nur die Kirche gehört ihm, sondern jeder Bereich – Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Familie.
Daraus entstand die Sphärensouveränität, die wir am Anfang schon gestreift haben: Man stelle sich das Leben als Haus mit vielen Räumen vor – Staat, Familie, Kirche –, jeder mit eigenen Regeln, aber alle unter dem einen Dach der Herrschaft Christi. Kein Winkel des Lebens ist gottfrei. Der Wahrheitskern ist stark: Diese Sicht macht den frommen Rückzug unmöglich.
Doch auch dieses Modell hat seine Gefahr – und sie führt zurück zum Anfang. Wenn Christus über allem herrscht, liegt der Kurzschluss nahe, Christen müssten diese Herrschaft politisch durchsetzen. Und schon ist man wieder beim Theokratie-Traum. Dagegen steht der biblische Gedanke: Christus ist Herr über alles – und hat sich doch geweigert, sein Reich mit Gewalt aufzurichten.
So stehen beide Traditionen unter derselben Schrift. Jede hat eine wahre Einsicht und eine eingebaute Versuchung. Keine ist „die christliche“ schlechthin. Der Maßstab ist nicht das Modell, sondern die Bibel.
Was Menschen daraus gemacht haben
Eine richtige Einsicht schützt nicht davor, missbraucht zu werden. Die Unterscheidung der zwei Regimente sollte das Gewissen schützen. Doch Menschen haben sie in zwei entgegengesetzte Richtungen verbogen – und beide Abwege gibt es bis heute.
Der erste Abweg macht aus den zwei Regimenten desselben Gottes zwei abgedichtete Welten. Der Glaube zieht sich ins Private zurück, und die Welt draußen geht ihn nichts mehr an. Man nennt diese Haltung Quietismus, vom lateinischen Wort für Ruhe: das fromme Stillhalten.
Dieser Abweg begegnet uns heute viel leiser – im Satz „Politik ist mir als Christ zu schmutzig“ oder in der Überzeugung, der Glaube sei reine Privatsache. Das klingt bescheiden, ist aber dasselbe Wegducken: Man teilt sein Leben in einen frommen Innenraum und eine gottlose Außenwelt – und überlässt die Außenwelt sich selbst. Wer schweigt, wo er reden müsste, wählt nicht die Neutralität. Er überlässt die Welt denen, die am lautesten sind.
Der zweite Abweg ist das Gegenteil und führt zurück zur Ausgangsfrage. Hier wird verschmolzen: Eine Partei, eine Bewegung, ein Programm wird zur „christlichen Sache“ erklärt. Aus „Christus ist Herr“ wird „unsere Politik ist die christliche“ – und wer widerspricht, steht scheinbar gegen Gott.
Die Falle schnappt auch von der anderen Seite zu und kommt durch die Hintertür der Ablehnung. Weil man eine Sache zutiefst ablehnt, fält man umso kritikloser denen in die Arme, die sich als deren Gegner ausgeben. Am Ende zieht man dessen Karren, ohne ihn je geprüft zu haben.
Unsere Zeit drängt besonders in dieses Lagerdenken: dafür oder dagegen, die eine Blase oder die andere. Genau dagegen steht, dass Christus in kein Lager passt – er kann in jedem Lager Gutes bejahen und muss doch jedem Lager widersprechen.
So verschieden beide Abwege aussehen – sie haben dieselbe Wurzel: Beide nehmen eine halbe Wahrheit und machen sie zur ganzen. Der eine trennt, was zusammengehört, und schweigt, wo er reden müsste. Der andere vermischt, was man unterscheiden muss, und will erzwingen, was Gott nicht erzwingt. Beide erkennt man an demselben biblischen Maßstab: Gott sucht keine frommen Etiketten und keine erzwungenen Untertanen, sondern Menschen, die unterscheiden können – und trotzdem nicht wegsehen.
Ihr
Munir Hanna
für das Evangeliumsnetz e.V., erschienen auf www.christ-und-politik.de
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