Stell dir vor, du bist Anfang zwanzig, lebst in einer Kleinstadt am Rand eines Landes, das gerade auseinanderzubrechen droht. Die Großmächte sortieren die Weltordnung neu, zu Hause weiß niemand so recht, woran er noch glauben soll. Du gehörst zu keiner einflussreichen Familie, du hast nichts vorzuweisen, keine Ausbildung, die zählt, keinen Namen, den man kennt. Und dann, mitten in diese Unscheinbarkeit hinein, passiert etwas, das dir sagt: Du. Genau du. Ich habe eine Berufung für dich – eine Aufgabe, vor der erwachsene Männer zurückschrecken.
Deine erste Reaktion wäre vermutlich dieselbe wie seine.
Der junge Mann heißt Jeremia. Die Szene steht im ersten Kapitel des nach ihm benannten biblischen Buches, entstanden um 627 vor Christus. Und das Erste, was er sagt, als dieser Ruf ihn trifft, ist keine fromme Zustimmung, sondern ein Ausweichmanöver: „Ach, Herr, ich kann doch gar nicht reden, ich bin doch noch zu jung.“
Wer je vor einer Aufgabe stand, die eine Nummer zu groß wirkte, kennt diesen Satz von innen. Ein Urahn aller Ausreden. Er steht am Anfang einer der eindrücklichsten Geschichten darüber, wie Menschen ihre Berufung finden – oft nicht, weil sie sich bereit fühlen, sondern obwohl sie es nicht tun.
Ein Ruf, der nicht auf Bewerbungsunterlagen wartet
Um zu verstehen, warum Jeremias Zögern so nachvollziehbar ist, muss man die Lage kennen. Das Südreich Juda taumelte seiner politischen Katastrophe entgegen. Assyrien war im Niedergang, Babylon im Aufstieg, und ein kleines Königreich wie Juda konnte in diesem Kräftespiel leicht zermahlen werden. Innenpolitisch herrschte religiöse und moralische Orientierungslosigkeit. Mitten in dieses Chaos hinein wird ein Prophet gerufen – jemand, der unbequeme Wahrheiten aussprechen soll, gegen den Widerstand von Königen, Priestern und sogar gegen der eigenen Verwandtschaft.
Das ist kein Job, um den man sich bewirbt. Es ist einer, der einen findet.
Noch bevor Jeremia geboren war, so heißt es, sei er für diese Aufgabe „ausgesondert“ gewesen. Das hebräische Wort dahinter meint „heraustrennen, für einen bestimmten Zweck reservieren“. Nicht wegen einer besonderen Leistung – Jeremia hatte ja noch gar nichts geleistet –, sondern vorweg, als Zuspruch. Der amerikanische Alttestamentler Walter Brueggemann hat betont, dass Jeremias Berufung damit gerade nicht auf seiner Eignung ruht, sondern auf einer Zusage, die seiner Biografie vorausgeht. Seine Berufung oder Erwählung sorgt für den Lebenslauf.
Und Jeremia tut das, was Menschen normalerweise tun würden: Er windet sich.
Die üblichen Ausreden – und was Gott darauf antwortet
Hier wird die Geschichte auf einmal überraschend gegenwärtig. Denn Jeremias Einwände gegen seine Berufung sind exakt die, mit denenauch wir uns gern drücken. Es lohnt sich, sie einzeln durchzugehen – samt der Antwort, die der Text ihnen gibt.
„Ich bin zu jung.“ – Das ist der wörtliche Einwand und könnte in unsere heutige Sprache übersetzt sagen: Ich bin nicht so weit, mir fehlt Erfahrung, andere sind qualifizierter. Die Psychologie hat für dieses Gefühl einen Namen gefunden – das Hochstapler-Phänomen, jene hartnäckige innere Stimme, die einem einredet, man sei eine Fehlbesetzung, die gleich auffliegt. Die Antwort, die Gott gibt, hebelt den Einwand nicht durch Schmeichelei mit einem „doch, du kannst das schon!“ aus. Stattdessen wird der Maßstab anders angesetzt: „Sag nicht, ich bin zu jung.“ D.h., nicht das Alter entscheidet, sondern die Sendung. Die Kompetenz, wächst mit der Aufgabe. Die Kompetenz kommt bei einer Berufung meist nicht vor ihr.
„Ich kann nicht reden.“ – dieser Einwand betrifft die konkrete Fähigkeit. Ausgerechnet dem, der reden soll, fehlt das Werkzeug. Jeremia ist mit diesem Einwand übrigens in prominenter Gesellschaft. Darauf gehe ich am Schluss mehr ein. Wir lesen, dass eine Lösung in Aussicht gestellt wird. Die Worte werden gegeben, nicht vorausgesetzt. Kaum jemand tritt fertig in seine Aufgabe ein. Man erwirbt die Sprache, die Vokabeln, den Blick, die Erfahrung, das Handwerk unterwegs. Wer wartet, bis er sich vollständig ausgerüstet fühlt, wartet ewig.
Der unausgesprochene dritte Einwand: die Angst. Jeremia sagt es nicht offen, aber sie schwingt mit. Wer sich gegen Könige stellen soll, hat allen Grund, Angst zu haben. Gott verspricht keine Gefahrlosigkeit – Jeremia wird tatsächlich Verfolgung, Spott und Isolation erleben. Aber Gott verspricht seinen Beistand mitten in der Gefahr und lässt ihn nicht allein.
Das sind alles Argumente, die sich auf den gegenwärtigen Zustand berufen. Ich bin jetzt noch nicht so weit. Und Gott lässt den gegenwärtigen Zustand nicht als letztes Wort stehen. Ausreden, so könnte man zuspitzen, sind meist getarnte Zukunftsängste. Sie tragen das Etikett „Ich kann nicht“, aber innen drin steht: „Ich habe Angst, zu scheitern.“
Richtige und falsche Berufung
An dieser Stelle ist es wichtig zu unterscheiden, dass nicht jedes Zögern eine faule Ausrede gegen eine Berufung ist. Manchmal ist die Einschätzung „Ich bin dafür nicht der Richtige“ schlicht realistisch und gesund. Menschen wurden schon in Aufgaben gedrängt, die sie zerrieben haben.
Nicht jede innere Stimme, die „du bist berufen“ flüstert, meint dasselbe. Hier lohnt es sich zu unterscheiden. Es gibt einen echten Ruf, und es gibt einen Druck, der sich nur so anfühlt. Beide sagen „du solltest mehr“ – aber sie meinen etwas völlig Verschiedenes.
Der echte Ruf ist konkret. Er zeigt auf eine bestimmte Sache: diese Aufgabe, diese Menschen, dieser Ort. Er passt zu dir, auch wenn er dir Angst macht. Der falsche Druck dagegen bleibt vage. Er nennt nie ein Ziel, sondern raunt nur pausenlos, du seist noch nicht genug – schlanker, erfolgreicher, produktiver, spiritueller. Man erkennt ihn daran, dass er nie satt wird: Egal, was du erreichst, er verschiebt die Messlatte.
Jeremias „Ich bin zu jung“ ist deshalb eine Ausrede – weil der Ruf klar und benannt ist. Aber es gibt auch ein ehrliches „Das bin nicht ich“, das man ernst nehmen sollte. Beides auseinanderzuhalten, ist Lebensarbeit.
Alles auf ein Ziel: Was Hingabe wirklich bedeutet
Jeremia zeigt eine Seite von Berufung, die nicht von Freude getragen ist. Die Berufung kommt gegen die eigenen Bedenken, und sie fühlt sich zunächst nach Last an, nicht nach Gewinn. Aber das ist nicht die einzige Weise, wie Menschen so etwas erleben. Es gibt auch das Gegenteil davon, der uns einen interessanten Kontrast bietet. Hier hilft ein Blick in zwei kurze Gleichnisse, die in Matthäus 13, Verse 44-46 überliefert sind. Gleichnisse sind kurze, bildhafte Alltagsgeschichten, um komplexe Lebensfragen zu veranschaulichen.
Jesus erzählt, dass ein Mann auf einem Acker auf einen vergrabenen Schatz stößt. In einer Zeit ohne Banken war das damals kein abwegiges Bild: In Kriegszeiten vergruben Menschen ihre Wertsachen, und mancher fand, was ein anderer zurückgelassen hatte. Der Mann verkauft, so heißt es, voller Freude alles, was er hat, um diesen Acker zu bekommen.
Der Finder erkennt sofort den Wert dessen, was vor ihm liegt. Und dieser Wert ordnet alles andere neu. Was eben noch wichtig war, wird zweitrangig. Er verkauft alles voller Freude. Das ist also kein verbissener Verzicht, kein Zähnezusammenbeißen. Es ist die Leichtigkeit dessen, der etwas gefunden hat, das größer ist als das, was er dafür loslässt.
Auch ein Leistungssportler ordnet seinem Ziel alles unter: den Tagesrhythmus, die Ernährung, den Schlaf, den Feierabend. Ein Unternehmensgründer richtet Jahre seines Lebens auf eine einzige Idee aus. Von außen sieht das nach Verzicht aus, von innen ist es Fokus – man gibt nicht widerwillig auf, man richtet aus.
Wenn du erkennst, wofür du wirklich brennst oder wo du gebraucht wirst, setzt das eine Energie frei, die keine Selbstüberwindung mehr braucht. Die Hingabe geschieht dann nicht aus Zwang, sondern aus Überzeugung. Wir machen ohnehin immer irgendetwas zu unserem „Schatz“ und die eigentliche Frage nur lautet, was diesen Platz einnimmt. Es fällt niemanden schwer, alles seinem Schatz unterzuordnen.
Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied, ob jemand alles einem selbst gesetzten Ziel unterordnet, das dem eigenen Antrieb entspricht oder sich Gott als Werkzeug zur Verfügung stellen. Das meint etwas Schwereres: dieselbe Hingabe an ein Ziel zu geben, das man sich nicht ausgesucht hat, das vielleicht sogar quer zu den eigenen Vorlieben liegt. Und genau an diesem Punkt kommen wir zu Jeremia zurück.
Jeremia erkennt keinen Schatz. Er sieht die Last, und er sieht sie bis zum Ende: Sein Buch ist über weite Strecken Klage, an einer Stelle verflucht er sogar den Tag seiner Geburt. Wenn es bei ihm überhaupt etwas Attraktives am Ruf gibt, dann nicht Aussicht auf einen Schatz im Acker, Status oder Erfolg – nichts davon bekommt er –, sondern einzig die Zusage: Ich bin bei dir.
Warum bleibt er dann? Jeremia beschreibt das Wort später als „brennendes Feuer“ in seinen Knochen, das er nicht zurückhalten kann, so sehr er auch möchte. Er bleibt nicht Prophet, weil es sich lohnt, sondern weil er nicht anders kann. Weil er zu 100% sich zu Gottes Werkzeug gemacht hat. Das ist die Kehrseite, die man ehrlicherweise mitsagen muss: Manche Berufung fühlt sich weniger an wie ein gefundener Schatz als wie eine Last, die man nicht mehr loswird.
Über Völker und Königreiche gesetzt
Kehren wir zu der Szene zurück, in der alles anfängt. Da steht dieser junge Mann, der eben noch „Ich bin zu jung“ gesagt hat – und bekommt einen Satz zugesprochen, der in keinem Verhältnis zu seiner Selbsteinschätzung steht. Er werde, so heißt es, „über Völker und Königreiche gesetzt“. Sechs Verben umreißen den Auftrag: ausreißen, einreißen, zerstören, umstürzen – bauen und pflanzen.
Vier Verben des Niederreißens, zwei des Aufbauens. Diese Asymmetrie ist kein Zufall. Ausleger lesen sie als realistischen Grundton von Jeremias Dienst: Sein Weg wird über weite Strecken einer des unbequemen Ansagens sein, das Bauen und Pflanzen kommt erst danach. Diese sechs Verben ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das ganze Buch und gelten vielen als sein theologisches Programm.
Der Kontrast zwischen „Ich bin zu jung“ und „gesetzt über Völker und Königreiche“ könnte kaum größer sein. Dem Mann, der sich klein macht, wird eine geradezu weltpolitische Tragweite zugesprochen. Nicht, weil er sie sich zutraut – er tut das ja ausdrücklich nicht –, sondern weil die Sendung Gottes ihm etwas zutraut, das er an sich selbst nicht sieht.
Man muss die Bildsprache dieses Kapitels nicht als Machtfantasie missverstehen. Kurz nach der Berufung folgen zwei Visionen. In der zweiten Vision sieht Jeremia einen überkochenden Kessel, dessen Öffnung sich von Norden her über das Land neigt. Das Bild ist bewusst gewählt. „Von Norden“ war für Juda die reale Einfallsrichtung der Großmächte. Weil die Wüste einen direkten Angriff aus dem Osten versperrte, zogen die mesopotamischen Heere immer den Bogen des fruchtbaren Halbmonds entlang und fielen von Norden her ein.
Der überkochende Topf ist das Unheil, das sich über Juda ergießen wird – konkret die babylonische Macht, die das Königreich wenige Jahrzehnte später tatsächlich unterwirft und Jerusalem zerstört. Die Königreichs-Bilder in Jeremia 1 sind also keine Verheißung von Karriere und Einfluss. Sie zeichnen einen Auftrag, der mitten in eine politische Katastrophe hineinführt.
An dieser Stelle ist eine Warnung nötig, denn kaum ein Motiv wird so gern missbraucht wie der „Feind aus dem Norden“. Der Kessel meint eine bestimmte historische Konstellation des 6. Jahrhunderts vor Christus, das aufsteigende Babylon und das bedrohte Juda. Das prophetische Wort richtete sich an konkrete Menschen in einer konkreten Lage.
Es ist kein Code, aus dem sich die Gegenwart entschlüsseln ließe. Wer es dazu macht, verwechselt Bibelauslegung mit Tagespolitik – und beansprucht für die eigene politische Deutung eine Autorität, die u.a. dieser Text nicht hergibt. Solche Übertragungen sagen mehr über die politischen Wünsche und Einstellungen des Auslegers als über den Text.
Was bleibt, ist nicht weniger, sondern etwas anderes: Die „Vollmacht über Königreiche“ ist die Vollmacht, mitten in einer Katastrophe das unbequeme, wahre Wort zu sagen – nicht die Aussicht, selbst zu herrschen, und erst recht keine Prophezeiung über heutige Grenzen und Bündnisse.
Und genau das rückt den Verantwortungsgedanken in ein klares Licht. Wem so viel anvertraut wird, von dem wird auch viel erwartet – wer viel empfangen hat, steht für viel ein. Das erinnert manche vielleicht auch passenderweise an Lukas 12, 48 mit dem Bild vom Verwalter, dem viel anvertraut wurde und der dafür Rechenschaft ablegen muss. Die Gabe ist bei Jeremia keine Trophäe, sondern eine Last, die verpflichtet. Das Zutrauen und die Verantwortung sind zwei Seiten derselben Sendung: Ihm wird etwas Großes zugesprochen, und eben deshalb wird er dafür einstehen müssen.
Was am Ende bleibt
Der junge Mann aus der Kleinstadt hat am Ende jahrzehntelang gegen Widerstände gesprochen, ist angefeindet und verfolgt worden – und hat trotzdem nicht aufgehört. Angefangen aber hat alles mit einem zögernden Satz: „Ich bin zu jung.“ Und mit der Weigerung, diesen Satz als letztes Wort gelten zu lassen.
Wenn dich das tröstet, dann zu Recht. Denn die Bibel erzählt Berufung auffällig selten als begeistertes Ja. Mose wollte einen anderen schicken, Gideon hielt seine Herkunft dagegen. Jona, Saul und Jesaja sind weitere Beispiele. Fast immer beginnt eine Berufung mit Widerstand – als wüssten diese Texte, dass echte Aufgaben zuerst Angst machen, bevor sie tragen. Das Unwohlsein, das du vielleicht bei deiner Berufung spürst, ist also kein Zeichen, dass du falsch liegst. Es ist eher das Gegenteil: fast schon das übliche Vorzeichen.
Berufung ist selten ein fertiger Plan von Tag eins an. Die Kompetenz kommt unterwegs, nicht vorher. Und das, was dir anvertraut ist – deine Gaben, deine Möglichkeiten –, ist keine Trophäe für die Vitrine, um sich selbst zu beglücken. Es ist Werkzeug, das auf Gebrauch wartet.
Ihr
Munir Hanna
für das Evangeliumsnetz e.V.
Ergänzend zu diesem Thema:








