Es gibt eine fromme Verwechslung, die viel Schaden anrichtet: Wir halten Liebe für eine Decke. Etwas Weiches, das man über die Dinge breitet, bis nichts mehr zu sehen ist. Darunter verschwinden dann Lügen, verletzende Worte, manchmal sogar Gewalt und Machtmissbrauch. Hauptsache barmherzig. Hauptsache kein Streit. Hauptsache, es klingt nach Frieden. Wir sind harmoniebedürftig und biegen die Dinge notfalls zum Nachteil des Schwächeren zurecht, weil dann schnell Ruhe ist.
Aber Jesus meint mit Liebe keine Konfliktvermeidung. In Matthäus 5, 44 sagt er: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ Das ist einer der bekanntesten Sätze der Bergpredigt und zugleich einer der am meisten missverstandenen. Denn Feindesliebe heißt nicht, dass Unrecht plötzlich sein Gewicht verliert.
Um das zu verstehen, lohnt der Blick auf den Zusammenhang. Jesus spricht in der Bergpredigt zu seinen Jüngern und zur Volksmenge und erklärt, wie das Leben im Reich Gottes aussieht. Kurz vorher geht es um Vergeltung. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ war ursprünglich kein Rachegebot, sondern sollte eine Grenze ziehen: nie mehr zurückschlagen, als einem angetan wurde. Jesus hebt diese Regel nicht auf, aber er zielt tiefer. Er ruft seine Hörer dazu auf, den Kreislauf von Verletzung und Gegenschlag ganz zu durchbrechen.
Dann greift er das Gebot der Nächstenliebe aus dem Alten Testament auf: „Du sollst deinen Nächsten lieben“ (vgl. 3. Mose 19, 18). Die Ergänzung „und deinen Feind hassen“ steht dort nirgends. Aber sie beschreibt eine sehr menschliche Haltung: Ich liebe die, die zu mir gehören, und schütze mich mit Härte gegen alle anderen.
Genau diese Grenze sprengt Jesus. Gottes Güte reicht weiter als unser Sympathiekreis. Er lässt Sonne und Regen über Gerechte und Ungerechte kommen. Darum sollen die, die ihm nachfolgen, sich nicht vom Hass regieren lassen. Das griechische Wort für Liebe meint an dieser Stelle keine romantische Wärme und keine spontane Zuneigung. Gemeint ist eine Liebe, die das Gute des anderen sucht, auch wenn dieser Mensch einem feindlich gegenübersteht und die eigenen Gefühle etwas ganz anderes wollen. Es ist die Liebe, die dem anderen das größere Stück Kuchen hinschiebt, obwohl man es ihm im Moment am liebsten vor die Füße werfen würde.
Jetzt kommt das große Aber, das häufige Missverstehen. Liebe und Barmherzigkeit stehen nicht im Widerspruch zur Verantwortung für das eigene Handeln. Wer lügt, betrügt oder Menschen mit Fäusten oder mit Worten verletzt, darf nicht einfach hinter dem Wort „Vergebung“ verschwinden.
Wenn eine Gemeinde, eine Familie oder eine Gesellschaft Schuld ignoriert, schützt sie nicht den Frieden. Sie schützt meist den Täter und lässt die Verletzten allein. Das ist keine Barmherzigkeit, sondern Bequemlichkeit im frommen Gewand. Denn das Gegenteil von Liebe ist nicht der Zorn, sondern die Gleichgültigkeit.
Biblisch gehören Wahrheit und Liebe zusammen. Paulus schreibt in Galater 6, 1, dass ein Mensch, der auf einen falschen Weg geraten ist, „zurechtgebracht“ werden soll, aber im Geist der Sanftmut. Matthäus 18 beschreibt, wie man Schuld anspricht: zuerst persönlich, dann mit Zeugen, erst zuletzt vor der Gemeinde. Das Ziel ist nicht Bloßstellung und der Skandal, sondern: „Du hast deinen Bruder gewonnen.“ Nicht ein Problem wird entsorgt, sondern ein Mensch wird zurückgewonnen.
Das ist ein Grundprinzip des Miteinanders, wie die Bibel es versteht. Wer gestrauchelt ist, soll nicht vernichtet, sondern verändert werden. Ganz praktisch heißt das, dass es oft mühsame, kluge Wege braucht. Die bequeme Abkürzung trägt selten.
Aber nach echter Umkehr darf ein Mensch nicht für immer auf seine schlimmste Tat festgelegt werden. Wenn jemand seine Schuld erkennt, Verantwortung übernimmt und sich verändert, muss ein Weg zurück möglich sein. Das bedeutet nicht, dass sofort wieder alles wie früher und alles vergessen ist. Vergebung heißt nicht, dass Grenzen verschwinden. Aber sie öffnet eine Tür, durch die ein Mensch neu anfangen darf.
Auch darin spiegelt sich das Evangelium. Gott nimmt Schuld ernst. Das Kreuz Jesu verharmlost die Sünde nicht, es zeigt, wie schwer sie wiegt. Und gerade dort zeigt Gott seine Barmherzigkeit: Schuld wird nicht geleugnet, aber sie behält nicht das letzte Wort.
Liebe braucht darum manchmal Rückgrat. Sie betet für den Feind, aber sie küsst dem Unrecht nicht die Füße, um es mit Luther zu sagen. Sie sucht Versöhnung, aber nicht um den Preis der Wahrheit. Sie straft nicht aus Rachsucht, sondern ruft zur Verantwortung. Und sie hält die Tür offen für den, der umkehrt.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.
Matthäus 5, 44







