Die Kamera läuft. Hemd, offener Kragen, die Bibel liegt auf dem Pult der Kanzel. Der Pastor schaut ernst und sehr überzeugt direkt ins Objektiv. Er weiß, wie man einen Satz setzt. Juristisch geschult, rhetorisch stark, theologisch ohne sichtbare Zweifel. Seine Clips erreichen in den Netzwerken Tausende. Heute geht es in seinem Clip um Migration.
„Gott hat die Völker geschaffen“, erklärt er. „Er hat jedem Volk seinen Platz und seine Grenzen gegeben.“ Kurze Pause. Dann folgt die politische Konsequenz: Menschen sollten dort bleiben, wo Gott sie hingestellt habe. Flüchtlinge, das ist so von Gott gewollt, gehörten zurück in ihre Heimat.
Wir blenden uns hier aus dem Clip aus, weil irgendwas schief ist. Plötzlich wird hier erklärt, welche politische Meinung Gott hat. Denn über politische Entscheidungen können wir streiten. Aber wer möchte Gott widersprechen?
Vor mehr als 2500 Jahren beobachtet der Prophet Jeremia genau diesen Vorgang. Jeremia lebt in einer Krisenzeit. Das mächtige Babylon bedroht Juda und Jerusalem. Gleichzeitig treten Propheten auf, die im Namen Gottes reden. Doch Jeremia wirft ihnen etwas Ungeheuerliches vor: Gott hat ihnen diese Botschaften gar nicht gegeben. Gott sagt über sie: Sie gebrauchen ihre eigene Zunge und sprechen: „Er hat gesprochen!“ (Jeremia 23,31).
Die Menschen, zu denen Jeremia damals sprach, geben ihren eigenen Worten göttliche Autorität. Sie benutzen sogar die typische Sprache der Propheten. Im Hebräischen steht dafür die Formel: „Ausspruch des HERRN“. D.h. sinngemäß: Das hier kommt von Gott. Aber genau das bestreitet Jeremia. Er spricht von „erlogenen Träumen“. Träume konnten damals durchaus als Möglichkeit verstanden werden, durch die Gott zu Menschen spricht. Jeremia kritisiert deshalb nicht einfach Träume. Er kritisiert Menschen, die eigene Vorstellungen als göttliche Botschaften verkaufen.
Obwohl Umkehr nötig wäre, wurde etwas verstärkt, was falsch war. Dazu gibt es schließlich einen wichtigen Satz Gottes: „Ich habe sie nicht gesandt.“ Darauf kommt es an. Ein Prophet ist nicht deshalb ein Prophet, weil er besonders überzeugend von Gott redet. Er muss von Gott gesandt sein. Ein paar Verse vorher fragt Jeremia: Wer hat wirklich Gottes Wort gehört?
Martin Luther war in seiner Zeit in einer ähnlichen Situation wie Jeremia und fragte: Wer darf eigentlich im Namen Gottes reden? Seine Antwort war einfach: Wer Gottes Wort verkündet. Wer dagegen seine eigenen Ideen und Regeln zu Gottes Stimme erklärt, richtet Schaden an. Ein „ich diene Christus“ als Bekenntnis, bedeutet nicht, dass jemand wirklich von Gott gesandt wurde.
Den Menschen gab Luther damals einen überraschenden Prüfstein. Gottes Wort mache, so schrieb er, „fröhliche, weite, sichere Gewissen“. Wenn z.B. schlechtgeredet und angst gemacht wird, dann ist das nicht der Geist des Evangeliums Jesu.
Gottes Wort kann unbequem sein. Es kann Schuld sichtbar machen und uns zur Umkehr rufen. Gottes Wort zeigt, was gut ist und woran wir scheitern. Das Evangelium ist die Gottes Zusage: Christus vergibt Schuld und schenkt Gnade. Und das macht fröhlich und gibt Hoffnung. Der Mensch bleibt nicht bei der Frage hängen: Habe ich genug getan? Bin ich gut genug? Glaube ich richtig genug?
Christen dürfen politische Überzeugungen haben und Themen unterschiedliches Gewicht geben. Sie müssen nicht alle zum gleichen Ergebnis kommen.
Wenn das Irdische einen größeren Stellenwert als Gottes Maßstab bekommt, dann entsteht eine empfindliche Blickverschiebung: Z.B. Nation, Volk, sexuelle Orientierung oder kulturelle Identität bestimmen immer stärker, wie ich die Bibel lese. Passende Bibelstellen und Lieblingsthemen bekommen Scheinwerferlicht. Das Kreuz rückt an den Rand und die Bibel dient irgendwann hauptsächlich dazu, die eigene Meinung zu bestätigen. Christus kann weiterhin auf dem Etikett stehen, obwohl er längst nicht mehr den Inhalt bestimmt.
Darum lohnt sich beim nächsten Videoclip eine einfache Frage: Was wird hier eigentlich groß gemacht: Christus oder das Lieblingsthema des Predigers?
Das Evangelium bestätigt nicht unsere Lieblingsmeinungen. Es führt uns zu Christus, der auch unsere irdischen Überzeugungen infrage stellen und verändern darf. Dein Glaube hängt am Ende nicht daran, dass du politisch immer richtigliegst. Es hängt an den Früchten.
Er hängt an Christus.
Dein Peter
Passt auf, jetzt gehe ich gegen die Propheten vor“, spricht Jahwe, „die ihr eigenes Gerede Botschaft nennen. Passt auf, jetzt gehe ich gegen die vor, die erlogene Träume erzählen“, spricht Jahwe, „und mein Volk mit ihren Lügen und ihrem Geflunker in die Irre führen. Ich habe sie weder gesandt, noch ihnen irgendetwas befohlen. Sie nützen diesem Volk überhaupt nichts“, spricht Jahwe.
Jeremia 23,31-32








