Bonuspunkt auf dem Lebenskonto gesammelt?

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Bildhinweis: KI-generiertes Bild – keine reale Aufnahme.

Seien wir ehrlich: Tief im Inneren sind wir doch alle irgendwie knallharte Kapitalisten – vor allem, wenn es um Moral geht. Wer Überstunden macht, erwartet die Beförderung. Wer pünktlich zahlt, erwartet saubere Schufa-Einträge. Und wer sich zusammenreißt, kein Arschloch zu sein, erwartet vom Universum, vom Schicksal oder von Gott gefälligst einen Bonuspunkt auf dem Lebenskonto. Wir lieben diese Kausalität: Erst die Leistung, dann die Belohnung.

Und an dieser Stelle zündet der Titusbrief wie eine Bombe. In diesem Brief wird dieser Ur-Instinkt nicht nur umgedreht, er erklärt unsere moralische Währung für komplett wertlos. Was passiert mit unserem Selbstbild, wenn die gute Tat verrückterweise nicht der Eintrittspreis ist, sondern lediglich das Trinkgeld eines bereits Begnadigten?

Um diese Frage zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Situation damals. Wir befinden uns auf Kreta, in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts. Paulus ist weitergezogen und hat Titus zurückgelassen, damit er fortführt, was beide gemeinsam begonnen haben: die verstreuten Hausgemeinden ordnen und verlässliche Leiter einsetzen. Schon das ist ein leiser Abschied vom Leistungsdenken. Gemeinde wird angefangen, übergeben und weitergeführt, und niemand kann sie auf sein eigenes Konto buchen und niemand soll sich in der Gemeinde ein Denkmal setzen lassen.

Leicht war der Auftrag für Titus nicht. Denn Kreta hatte einen miserablen Ruf. Das Griechische kannte sogar ein eigenes Verb für Lügen und Betrügen: krētízein, wörtlich „kretern”. Paulus zitiert in Kapitel 1 ohne jede diplomatische Abfederung einen Dichter von der Insel: „Kreter sind immer Lügner, böse Tiere, faule Bäuche”.

Aus solch einem Umfeld kamen die ersten Christen der Insel. In Titus 3 wird aufgezählt, wie ihr Leben vorher aussah: unverständig, ungehorsam, verirrt, versklavt von Begierden, voller Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend. Das Bemerkenswerte steckt in einer kleinen Nebenbemerkung: „Denn auch wir waren früher …” Paulus, der harte Worte für die Kreter wählte und ein ehemaliger Musterschüler unter den Pharisäern war, stellt sich in eine Reihe mit den Kretern. Er erklärt, dass sein moralisches Konto nicht besser aussieht, als das der Kreter.

Dazu kamen Lehrer, die Paulus „die aus der Beschneidung” nennt. Damit waren Menschen gemeint, die sich aufgrund ihrer Abstammung für etwas Besseres hielten. Sie boten endlose Stammbäume, Mythen und strenge Reinheitsgebote an, verbunden mit der Botschaft: Wer die Regeln peinlich genau befolgt, kommt Gott näher. Für ehemalige Lügner muss das verlockend geklungen haben. Unser innerer Kapitalist hätte seine helle Freude gehabt: Die Kultur der Insel erklärte Moral für egal, die frommen Lehrer machten sie zur Währung. Paulus durchkreuzt beides mit einem einzigen Satz:

Als dann aber Gott, unser Retter, seine Güte und Menschenliebe sichtbar machte, hat er uns aus reinem Erbarmen gerettet und nicht, weil wir gute und gerechte Taten vorweisen konnten.

Titus 3,4-5

Dieser Brief hatte für antike Ohren einen politischen Klang. „Retter” und „Menschenliebe” gehörten zum Vokabular hellenistischer Könige, die mit Gnadenerlassen Steuerschulden strichen und Gefangene freiließen. Aber der wirkliche Retter, so sagt es Paulus, hat eine solche Amnestie längst verkündet, für eine Insel voller Lügner und einem Ex-Pharisäer gleich dazu. Für Paulus war es klar: Nicht die Kreter da draußen waren das Problem. „Wir“ waren es auch.

Erst danach spricht Paulus über gute Werke, und zwar so, dass es wichtig und keine Nebensache ist: Titus soll darauf bestehen, dass die Glaubenden sich um gutes Handeln bemühen, denn das ist gut und nützt den Menschen. Gute Taten wandern nicht mehr auf ein vermeintliches himmlisches Bonuskonto. Sie landen bei der Nachbarin, beim Kollegen, bei dem, der gerade Hilfe braucht.

Wenn die gute Tat kein Eintrittspreis mehr ist, verliert unser Selbstbild seine Buchhaltung. Wir müssen nicht mehr nachrechnen, ob wir genug geleistet haben, um geliebt zu werden. Das entlastet. Es ist zugleich unbequem, denn es nimmt uns die Möglichkeit, auf andere herabzusehen, deren Konto schlechter aussieht. In den Hausgemeinden Kretas saßen ehemalige Betrüger und ein ehemaliger Pharisäer auf derselben Bank, beide mit leeren Händen beschenkt. Was sie danach taten, war keine Bezahlung. Es war die Freiheit von Menschen, die nichts mehr beweisen müssen und deshalb endlich Zeit für die anderen haben.

Wie gehst du mit Behörden um? Wie redest du über andere? Kannst du friedlich, freundlich und rücksichtsvoll leben?

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


…hat er uns aus reinem Erbarmen gerettet und nicht, weil wir gute und gerechte Taten vorweisen konnten.

Titus 3,5

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