Manche Bibelsätze klingen, als kämen sie aus einer anderen Welt. „Gewaschen mit Christi Blut“ aus Offenbarung 1 Verse 5 und 6 gehört definitiv dazu. Blut wäscht doch nicht. Blut macht Flecken. Wer so redet, landet heute schnell zwischen Horrorfilm, Mittelalter und sehr schlechten Kirchenliedern. Und trotzdem steckt in dieser Formulierung einer der tiefsten Trostgedanken des christlichen Glaubens.
Die Bibelstelle lautet „Ihm, der uns liebt und uns durch sein Blut von unseren Sünden gereinigt hat; ihm, der uns zu Königen gemacht hat und zu Priestern für seinen Gott und Vater…“ und zeigt uns eine wichtige Reihenfolge an: zuerst die Liebe, dann die Vergebung, dann die Ehre. Das ist der Weg, den Christus mit uns geht. Er wäscht uns nicht nur rein, um uns sauber zu hinterlassen, sondern um uns zu bevollmächtigen. Seine Liebe ist das Fundament, auf dem unsere neue Würde steht.
Der Satz beginnt nicht mit unserer Leistung. Nicht, „die Gläubigen haben sich gebessert.“ Auch nicht mit „sie haben genug bereut.“ Und noch nicht einmal: „Sie haben endlich verstanden, wie Glaube funktioniert.“ Sondern, Christus hat uns geliebt.
Das ist der Ausgangspunkt. Der Mensch steht vor Gott nicht zuerst als religiöser Held, sondern als jemand, der Reinigung braucht. „Sünde“ meint dabei mehr als nur einzelne Fehler. Sünde ist die tiefe Entfremdung von Gott, von anderen Menschen und oft auch von uns selbst. Sie zeigt sich in Schuld, Scham, Selbstrechtfertigung, Härte, Angst und dem Versuch, das eigene Leben ohne Gott absichern zu müssen.
Wenn Christus „mit seinem Blut“ einen wäscht, dann ist nicht gemeint, dass hier eine magische Flüssigkeit zum Einsatz kommt. In der Bibel steht Blut für Leben. Jesu Blut bedeutet, er gibt sein Leben hin. Gott reinigt nicht billig. Er wischt Schuld nicht einfach weg, als wäre sie egal. Schuld hat vor Gott Bedeutung. Gott nimmt sie ernst – so ernst, dass Christus sie am Kreuz trägt.
Christus reinigt von Sünde. Das bedeutet, das was dich belastet, definiert dich nicht mehr endgültig. Deine Schuld ist nicht stärker als Gottes Gnade. Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, hat weniger Gewicht als das, was Jesus für dich getan hat. Dein Versagen ist nicht der Name, mit dem Gott dich ruft.
„Gewaschen mit seinem Blut“ heißt also: Christus hat sein Leben gegeben und mit seinem Blut bezahlt, damit du vor dem höchsten Gericht sauber dastehen kannst. Das ursprüngliche Urteil, das bereits über deinem Leben stand, wurde durchgestrichen.
Der Mensch wird nicht rein, weil er sich selbst genug anstrengt. Er wird rein, weil Christus ihn reinigt. Das nennt die Theologie Rechtfertigung: Gott spricht einen Menschen gerecht, nicht weil dessen Leben makellos wäre oder die Person etwas geleistet hat, sondern weil Christus für ihn eintritt.
Niemand muss nun sagen: „Für mich ist es zu spät.“ Aber niemand kann auch sagen: „Ich habe es allein geschafft.“
Die Gläubigen sind eigentlich Könige. Nicht mit einer Goldkrone, Seide und Zepter. Aber ihre Würde ist tiefer. Sie sind frei und unabhängig gegenüber den Mächten, die sonst Menschen beherrschen: Schuld, Tod, Teufel, Angst, Schande, Mangel.
Martin Luther sagte auch bewusst übertrieben dazu, dass der Teufel zum „strohernen Mann“ wird. Luthers Bild vom „strohernen Mann“ ist eine seiner typischen, deftigen Metaphern. Er nutzt sie, um die Machtverhältnisse zwischen dem Gläubigen und dem Bösen, wozu Angst auch gehört, radikal neu zu definieren. Ein „stroherner Mann“ ist eine Attrappe – wie eine Vogelscheuche. Von weitem sieht sie bedrohlich aus, hat Arme und Beine und wirkt wie eine echte Gefahr. Aber wenn man näherkommt und sie anfasst, merkt man: Da ist kein Leben drin, kein Gewicht und keine echte Kraft. Durch Christus hat der Teufel seine „Zähne“ verloren. Er ist substanzlos geworden – ein Feind, der zwar noch droht, noch Lärm machen und drohen kann, aber er hat keine Macht mehr, die dich endgültig zerstören kann. Er ist nur noch eine Hülle aus Stroh.
Das heißt aber nicht, dass ein Christ keinen Schmerz mehr erleben wird. Hunger bleibt Hunger. Verlust bleibt Verlust. Armut bleibt schwer. Der Tod wird nicht harmlos, aber entmachtet. Schuld kann Folgen haben. Doch das alles hat nicht mehr die letzte Herrschaft.
Die Reinigung durch Christus ist deine Eintrittskarte in Gottes Familie. Damit hast du einen Vater an deiner Seite, dessen Möglichkeiten keine Grenzen kennen. Bei ihm bist du innerlich versorgt – egal, wie es im Außen aussieht.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Ihm, der uns liebt und uns durch sein Blut von unseren Sünden gereinigt hat; ihm, der uns zu Königen gemacht hat und zu Priestern für seinen Gott und Vater: Ihm sei Ehre und Macht für immer und ewig! Amen.
Offenbarung 1, 5-6







