Vater und Mutter ehren

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Neulich hat jemand erzählt, wie genervt er vom Anruf seiner Mutter war. „Sie fragt jedes Mal dieselben Sachen“, sagte er. Ein anderer verdrehte die Augen über seinen Vater: „Der versteht meine Welt sowieso nicht.“ Solche Gedanken kennen viele. Man wird älter, unabhängiger, manchmal auch innerlich härter. Und irgendwann wirken die eigenen Eltern eher anstrengend als wichtig.

In solchen Momenten erinnert man sich nicht gerne an das vierte Gebot: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ (2.Mose 20, 12)

Eltern zu ehren heißt nicht, du musst alles richtig finden, was sie machen. Die Bibel kennt selbst Geschichten von schwierigen Familien. Manche Menschen tragen tiefe Verletzungen durch ihre Eltern in sich. Dort, wo Gewalt, Manipulation oder schwere Grenzverletzungen geschehen, braucht es Schutz, Abstand und oft auch professionelle Hilfe.

Bei diesem Gebot geht es im Kern um weit mehr als nur darum, dass Kinder brav auf ihre Eltern hören sollen. Wenn man sich den historischen Kontext anschaut, war dieses Gebot damals eine regelrechte gesellschaftliche Revolution. Und eine absolute Notwendigkeit fürs Überleben. Das Gebot richtete sich ursprünglich gar nicht an kleine Kinder, sondern an erwachsene Söhne und Töchter.

Zu einer Zeit, als es keine Rentenversicherung, keine Pflegeheime und kein soziales Netz gab, waren die eigenen Kinder die einzige Altersvorsorge. Die Eltern zu „ehren“ bedeutete ganz handfest, sie im Alter mit Nahrung, Kleidung, Schutz und Würde zu versorgen. Zusätzlich waren die Eltern die Brücke zur eigenen Geschichte, Kultur und zum Glauben. Sie zu achten hieß auch, das über Generationen angesammelte Lebenswissen nicht einfach über Bord zu werfen.

Das Volk Israel war nach dem Auszug aus Ägypten als Nomaden- und Stammesgesellschaft unterwegs. Wenn eine Gruppe ständig weiterziehen muss und Ressourcen knapp sind, werden alte, schwache oder kranke Menschen schnell zur „Last“. In manchen antiken Kulturen war es durchaus üblich, greise Familienmitglieder zurückzulassen, wenn sie der Gemeinschaft nicht mehr nützlich sein konnten. Das Gebot setzte hier einen Riegel gegen die Verrohung der Gesellschaft und macht deutlich, dass das nicht zum Willen Gottes gehört, wenn eine Gesellschaft nur nach den „Nützlichkeitsfaktor“ geht. Der Wert eines Menschen wurde mit diesem Gebot von seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit entkoppelt.

Ein Stamm oder eine Gesellschaft funktioniert nur, wenn die Generationen verlässlich füreinander einstehen. Wenn die Jungen die Alten fallenlassen, bricht das soziale Gefüge zusammen. Deshalb ist das 4. Gebot auch das einzige der zehn Gebote, das mit einer direkten Zusage (einer Verheißung) verknüpft ist: „…auf dass du lange lebest und dass dir’s wohlgehe in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.“

Das war kein magisches Versprechen, sondern pure Logik: Eine Gesellschaft, die ihre Alten schützt und von deren Erfahrung lernt, bleibt stabil und überlebt langfristig. Somit war das vierte Gebot im Grunde der erste Generationenvertrag der Menschheit. Es verhinderte, dass die Schwächsten der Gesellschaft ausgesondert wurden, und sicherte das soziale Überleben der Gemeinschaft.

In unserer schnelllebigen und egoistisch geprägten Zeit, werden Worte und Launen schneller herausgelassen, als uns lieb ist. Verachtung beginnt selten mit großen Taten. Es sind die kleinen Taten: wenn Eltern nur noch als peinlich empfunden werden, wenn man genervt die Augen verdreht. Oder wenn man sie abwürgt, belächelt oder innerlich längst nicht mehr ernst nimmt.

Die Eltern ehren zeigt sich in Taten. Z.B. wenn Eltern krank werden, einsam sind oder finanzielle Hilfe brauchen, sollen Kinder sich nicht einfach wegducken. Wer kann, soll helfen, unterstützen und Verantwortung übernehmen. Das klingt erst einmal selbstverständlich. Und doch erleben viele alte Menschen genau das Gegenteil: seltene Besuche, Funkstille, innere Distanz. Oft nicht aus Bosheit, sondern weil das eigene Leben voll ist. Arbeit, Stress, Kinder, Termine. Man verschiebt Gespräche auf später. Bis irgendwann keine Zeit mehr bleibt.

Eltern bleiben Vater und Mutter, auch wenn sie schwach, arm, unbeholfen oder fehlerhaft sind. Nach biblischem Verständnis sind sie Menschen, durch die Gott uns das Leben geschenkt hat.

Das hat auch eine geistliche Seite. Jesus selbst kritisiert Menschen, die gläubig wirken wollten, aber ihre Verantwortung gegenüber den Eltern vernachlässigten (Markus 7, 9-13). Der Glaube beginnt oft am Küchentisch, im Pflegeheim, beim geduldigen Zuhören oder beim nächsten Anruf.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren

2.Mose 20, 12