Versetze dich in einen der Jünger Jesu. Du bist gerade dabei, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Du kannst es kaum in Worte fassen. Jesus hat drei seiner engsten Freunde, Petrus, Jakobus und Johannes, mit auf einen Berg genommen. Dort oben verändert sich plötzlich sein Aussehen. Seine Kleider leuchten hell. Mose und Elia erscheinen und sprechen mit ihm. Die Jünger erleben selbst für einen kurzen Moment eine Erleuchtung, in der sie erkennen, wer da mit Jesus spricht und wer Jesus wirklich ist. Sie sind nicht nur einem Wanderprediger aus Galiläa gefolgt, sondern Gottes Sohn in göttlicher Herrlichkeit.
Interessant ist es, welche beiden Gestalten mit Jesus über seine bevorstehende Kreuzigung sprechen. Beide stehen im Judentum für das gesamte Alte Testament. Mose repräsentiert das Gesetz und Elia repräsentiert die Propheten. Beide weisen auf Jesus hin.
Göttliches Licht, himmlischer Besuch, eine lichte Wolke überschattet sie und die Stimme Gottes spricht „Das ist mein geliebter Sohn, … auf ihn sollt ihr hören.“ Die Botschaft ist klar: Jesus steht über Mose und Elia.
In vielen Bibelübersetzungen wird dieses Ereignis als „Verklärung Jesu“ (Markus 9,2-13) bezeichnet. Das erinnert an den Begriff „verklärte Erinnerung“, also eine Beschönigung oder unrealistisch positive Sichtweise. Doch wenn man sich das griechische Wort näher anschaut, dann geht um eine Verwandlung und um einen Wechsel der Gestalt. Etwas, was bereits in der Person drin war, kommt zum Vorschein. So versteht man, dass Jesus für einen Augenblick in seiner himmlischen Herrlichkeit sichtbar wird. Es ist wie ein kurzer Blick hinter den Vorhang.
Doch solche Gipfelerlebnisse dauern nicht ewig. Als Jesus und die drei Jünger den Berg wieder verlassen haben, wartet unten im Tal die knallharte Realität. Schon von Weitem sehen sie eine Menschenmenge. Es wird diskutiert. Schriftgelehrte streiten mit den übrigen Jüngern. Die Stimmung ist angespannt. Und mitten in diesem Durcheinander steht ein Vater. Sein Sohn wird von einem bösen Geist gequält. Der Junge leidet schwer. Immer wieder wird er zu Boden geworfen. Der Vater hat alles versucht. Nichts funktionierte und niemand konnte helfen. Als Jesus nicht da war, wandte er sich an die Jünger. Sie sollten helfen. Aber sie konnten es nicht. Nun steht der Mann vor Jesus. Hinter ihm liegen Enttäuschung, Hilflosigkeit und viele schlaflose Nächte.
Wer lange genug leidet, hat viel Enttäuschung erlebt, aber lernt irgendwann auch vorsichtig zu hoffen. Also schildert der Vater die Situation und sagt schließlich: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ (Markus 9, 22) Dieser Satz klingt zunächst harmlos. Doch in ihm steckt tiefe Verzweiflung. „Wenn du etwas kannst …“ Jesus greift genau diese Worte auf. „Wenn du kannst? Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.“ (Markus 9, 23)
An dieser Stelle wird der Vers oft missverstanden. Viele lesen ihn so: „Wenn dein Glaube stark genug ist, wird alles klappen.“ Doch das ist nicht die Richtung des Gesprächs. Jesus lenkt den Blick weg von der Frage nach seiner Fähigkeit. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Jesus helfen kann. Die Frage lautet, ob der verzweifelte Vater bereit ist, ihm zu vertrauen und ihm die Entscheidung zu überlassen, ob er helfen wird oder nicht.
An diesem Punkt nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung. Man könnte erwarten, dass der Vater nun einen beeindruckenden Glaubenssatz ausspricht. Vielleicht etwas wie: „Ja, Herr, ich vertraue dir vollkommen!“ Oder man könnte erwarten, dass Jesus ihn für seinen schwachen Glauben zurechtweist. Nichts davon geschieht.
Stattdessen antwortet der Mann mit einer Ehrlichkeit, die bis heute berührt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9, 24) Dieser Satz beschreibt den Glauben vieler Menschen so treffend. Er vertraut Jesus. Und doch spürt er die Unsicherheit in seinem Herzen. Zu viele Enttäuschungen liegen hinter ihm. Zu lange hat er seinen Sohn leiden sehen. Viel zu oft hat sich die Hoffnung zerschlagen. Deshalb bringt er Jesus nicht nur seinen Glauben, sondern auch seine Zweifel. In dieser Ehrlichkeit liegt die Stärke des Vaters. Und das Erstaunliche ist: Jesus weist ihn nicht zurück. Er sagt nicht: „Komm wieder, wenn dein Glaube größer geworden ist.“ Er hilft ihm.
Auch wenn wir heute wieder im Tal des Alltags stehen, dürfen wir voller Freude wissen: Der Herrliche vom Berg ist derselbe, der uns im Tal die Hand reicht. Und er trägt uns durch jeden Zweifel hindurch.
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
„Wenn du etwas kannst?“, erwiderte Jesus „Was soll das heißen? Für den, der Gott vertraut, ist alles möglich!”
Markus 9, 24






