Gottes Kind sein: Die Freiheit, einen Fehler zuzugeben

Image
Bildhinweis: KI-generiertes Bild – keine reale Aufnahme.

Ein wichtiger Mensch trifft eine Entscheidung. Ein Vorgesetzter, ein Politiker, ein Lehrer oder jemand mit Macht führt eine neue Regel ein. Bald zeigt sich: Die Entscheidung war falsch. Menschen haben Nachteile, vielleicht sogar Schaden. Doch statt zu sagen „Ich habe mich geirrt“, wird erklärt, umgedeutet und an Einzelheiten herumgedoktert. Die Entscheidung selbst soll möglichst unangetastet bleiben. Denn wer einen Fehler zugibt, fürchtet um Ansehen, Einfluss oder seine Stellung. Wer es wagt, einen Fehler zuzugeben, macht sich angreifbar.

Doch das kennen wir auch ganz persönlich, auch ohne öffentliches Amt. Wir haben etwas behauptet, das nicht stimmt, und jemand anderes hat es weitergetragen. Oder wir haben entschieden, obwohl wir es besser hätten prüfen sollen. Jetzt könnte ein einfacher Satz vieles klären: „Ich lag falsch, ich mache es wieder gut.“ Aber dieser Satz ist schwer. Was denken die anderen dann über mich? Kann ich mir selbst noch trauen? Manchmal versuchen wir deshalb, den Fehler zu verkleinern oder die Verantwortung weiterzureichen.

Martin Luther kannte diese Angst hinter diesem Verhalten. Er beschrieb, wie das eigene Gewissen einen Menschen anklagt: „Du hast gesündigt.“ Diese Aussage kann wahr sein. Wer einen Fehler gemacht hat, soll diesen Fehler nicht als „richtig“ bezeichnen bzw. ihn nicht zur richtigen Entscheidung umbenennen. Doch aus „Ich habe etwas Falsches getan“ kann ein zweiter, viel gefährlicherer Satz werden: „Darum bist du vor Gott verloren.“ Gegen diese Schlussfolgerung setzt Luther das Evangelium.

Für Luther war Galater 3,26: „Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo Jesu.“ der Ausgangspunkt seiner Gedanken. Der Satz steht in einem Abschnitt, in dem Paulus erklärt, welche Aufgabe das Gesetz, also Gottes Gebote, hat. Es zeigt, was Gott will und macht auch sichtbar, an welcher Stelle Menschen daran scheitern. Paulus vergleicht das Gesetz mit einem strengen Aufseher. Mit Christus endet die Macht des Gesetzes: Wer an Jesus glaubt, gehört als Kind zu Gott. Wenn man weiterliest, dann führt Paulus den Gedanken weiter: Gottes Kinder dürfen ihn als Vater anrufen und empfangen sein Versprechen als Erben. In der damaligen Zeit hatte „Erbe zu sein“ etwas zu bedeuten.

Das heißt nicht, dass Gottes Gebote plötzlich bedeutungslos wären. Wenn ich jemanden belogen habe, bleibt die Lüge falsch. Wenn meine Entscheidung Schaden verursacht hat, muss ich mich den Folgen stellen. Frei vom Gesetz bedeutet hier: Ich muss durch das Einhalten der Gebote nicht erst beweisen, dass Gott mich annehmen darf. Und wenn ich an ihnen gescheitert bin, hat das Gesetz nicht die Macht, das letzte Urteil über mich zu sprechen. Paulus begründet diese Freiheit mit Christus, nicht mit einer besseren Leistung des Menschen.

Wenn wir also von der Freiheit vom Gesetz sprechen, dann geht es um die Freiheit von der Sünde. Sünde ist der Widerspruch zu Gott. Sünde ist nicht bloß eine Liste einzelner Fehler. Sie hält uns auch dort fest, wo wir lügen, ausweichen und andere belasten, um uns selbst zu retten. Wer zu Christus gehört, muss das eigene Bild von sich nicht mehr mit allen Mitteln schützen. Er kann die Wahrheit sagen, weil seine Hoffnung nicht daran hängt, fehlerlos zu erscheinen, was andere von einem denken oder ob man irdische Ziele dadurch erreichen kann.

Schuld darf benannt werden. Doch sie darf einem Menschen, der auf Christus vertraut, nicht die Zugehörigkeit zu Gott absprechen.

„Gerettet“ heißt deshalb auch nicht: Mir passieren keine schlimmen Dinge mehr. Ein Eingeständnis kann Vertrauen kosten. Eine falsche Entscheidung kann Folgen haben, die ich tragen muss. Weil Gott mich wegen Christus annimmt, muss ich meinen eigenen Fehler nicht verschleiern, davor wegrennen oder mir selbst etwas vormachen.

Freiheit kann mit einem Satz beginnen, den wir sonst vermeiden: „Ich habe dort etwas Falsches gesagt.“ Oder: „Diese Entscheidung war falsch. Es tut mir leid. Ich will korrigieren, was ich kann.“ Gottes Kind zu sein nimmt uns die Verantwortung nicht ab. Es gibt uns den Mut, sie zu übernehmen: ohne Ausreden, ohne Versteckspiel und mit der Hoffnung, dass ein ehrlicher neuer Anfang möglich ist.

Dein Peter


… denn durch den Glauben an Jesus Christus seid ihr mündige Kinder Gottes geworden.

Galater 3,26