Mit einem Freund, der als Berater viel mit Führungskräften zu tun hat, hatte ich mich sehr ausführlich zum Thema Führung in modernen Zeiten unterhalten. Es war interessant zu erfahren, was der gute Hirte mit moderner Führung zu tun hat. Er erzählte mir auch, dass in vielen Büchern über Führung heute ähnliche Begriffe auftauchen würden: Verantwortung übernehmen. Für andere einstehen. Nicht nur profitieren, sondern auch tragen. Moderne Leadership-Theorien sprechen von „servant leadership“, also dienender Führung.
So neu sind diese „modernen“ Gedanken gar nicht. Jesus beschreibt sie in einem Bild, das seine Zuhörer damals sofort verstanden: „Ich bin der gute Hirt. Ein guter Hirt setzt sein Leben für die Schafe ein.“ (Johannes 10,11)
Wenn wir heute an Hirten denken, sehen wir vielleicht oft idyllische Landschaften, grüne Hügel und friedliche Schafe. In der antiken Welt war aber die Realität anders. Ein Hirte lebte meist draußen in der Wildnis. Wochen oder Monate fern von Zuhause. Gefahren gehörten zum Alltag. Raubtiere, Diebe, Hitze, Kälte, Krankheiten der Tiere. In manchen Regionen lauerten sogar bewaffnete Räuber.
Darum gab es häufig angestellte Hirten. Sie wurden bezahlt, um die Herde zu bewachen. Doch hier spricht Jesus ausdrücklich von einem Problem. Der Mietling – also der bezahlte Hirte – läuft davon, wenn Gefahr kommt. Dann bleiben die Schafe schutzlos zurück.
Genau hier setzt Jesu Kontrast an. Er sagt nicht: „Ich bin ein Hirte.“ Er sagt: „Ich bin der gute Hirte.“ Der Unterschied liegt in der Verantwortung. Der gute Hirte bleibt. Selbst wenn es gefährlich wird.
Interessanterweise greifen viele moderne Führungstheorien heute Gedanken auf, die genau in diese Richtung gehen. In der Managementforschung spricht man, wie oben schon erwähnt, von „servant leadership“ – dienender Führung. Führung bedeutet dabei nicht, möglichst viele Vorteile als Führungskraft zu genießen, sondern Verantwortung zu tragen. Der Leiter steht nicht über andere Menschen, sondern steht für sie ein.
Genau das beschreibt Jesus im Bild des guten Hirten. Der Mietling fragt: Was bekomme ich dafür, was habe ich davon und wie kann ich meinen Lohn steigern? Der gute Hirte fragt: Was brauchen die Schafe? Ein Mietling schützt zuerst sich selbst. Doch der gute Hirte schützt zuerst die Herde.
Darum wirkt dieses Bild bis heute so stark. Es zeigt, dass Autorität nicht aus Macht entsteht, sondern aus Verantwortung. Ein Chef, der nur dann präsent ist, wenn alles gut läuft, handelt wie ein Mietling. Ein Leiter, der in Krisen Verantwortung übernimmt, verkörpert etwas von dem, was Jesus beschreibt.
Natürlich bleibt der Unterschied entscheidend. Kein menschlicher Leiter kann das tun, was Christus getan hat. Niemand kann die Schuld der Welt tragen. Aber das Prinzip der Führung bleibt bemerkenswert aktuell. Echte Autorität zeigt sich daran, ob jemand bereit ist, für andere einzustehen.
Wenn man alles zusammenfasst, zeigt das Bild des guten Hirten zwei Dinge gleichzeitig. Es zeigt zuerst, wer Christus ist: Derjenige, der für seine Menschen einsteht, selbst bis zum Tod.
Und es zeigt, wie Verantwortung aussieht: Nicht weglaufen, wenn es schwierig wird. Sondern bleiben.
Aber wer beim Lesen der Bibel aufmerksam war, wird sich daran erinnern, dass Jesus auch als Lamm Gottes bezeichnet wird, das die Schuld der Welt trägt. Einerseits, schützt der Hirte die Herde. Und andererseits gehört das Lamm selbst zur Herde. Genau darin liegt auch die Lösung, wie moderne Führung verstanden wird. Das bedeutet nämlich, der Hirte rettet seine Herde nicht nur durch Stärke – sondern durch Selbsthingabe, identifiziert sich mit der Herde und ist Teil von ihr.
Im Alten Testament (Hesekiel 34) steht, dass Gott selbst eines Tages der Hirte seines Volkes werden wollte. Doch niemand hätte erwartet, dass dieser Hirte seine Herde rettet, indem er selbst den Platz des Opfers einnimmt. Für viele Christen ist das eine vertraute Wahrheit. Doch das Bild vom Hirten zeigt einen neuen Akzent: Christus führt seine Herde nicht von außen wie ein Feldherr. Er rettet sie von innen, indem er selbst den Weg des Opfers geht.
Darum folgt christliche Führung – ob in Kirche, Familie oder Verantwortung im Beruf – diesem paradoxen Muster: Nicht Macht sichert die Herde, sondern hingebende Verantwortung.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen unseres Lebens: Wo handeln wir wie Mietlinge – und wo lernen wir, Verantwortung zu tragen?
Vielen Dank fürs Lesen!
Dein Peter
Ich bin der gute Hirt. Ein guter Hirt setzt sein Leben für die Schafe ein.
Johannes 10, 11








