Nicht allein sterben – warum der letzte Weg nicht ins Leere führt

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Bildhinweis: KI-generiertes Bild – keine reale Aufnahme.

Es gibt diese Momente, in denen plötzlich alles still wird. Ein Krankenhauszimmer am späten Abend. Das Display eines Monitors leuchtet, jemand sitzt am Bett eines sterbenden Menschen, die Jacke noch an, der Kaffee längst kalt. Viel kann man nicht mehr tun. Man hält vielleicht eine Hand, richtet die Decke, sagt leise: „Ich bin da.“ Und zugleich spürt man die eigene Grenze. Man kann nur ein Stück mitgehen. Den letzten Weg kann kein Angehöriger, kein Arzt, kein Freund mitgehen. Wer über das Sterben nachdenkt, spürt schnell eine tiefe Angst: Muss ich diesen letzten Weg allein gehen?

Genau an diesem Punkt setzt Jesus in Lukas 16,19-30 mit dem Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus an. Dort heißt es: „Der Arme starb und wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß“. Das ist ein starkes Bild. Es sagt, dass der Mensch im Sterben nicht ins Leere geworfen ist. Er fällt nicht aus Gottes Hand. Wo unsere Begleitung endet, beginnt Gottes Geleit nicht erst – es war die ganze Zeit schon da.

Martin Luther sagte dazu mal „…umso höher und gewisser soll ich auch versichert sein, wenn ich den letzten Gang gehe unter die Erde, ins Grab zu den Würmern, dass die lieben Engel auch da sind und mich geleiten…“ Er macht aus diesem biblischen Bild einen Gedanken, der zugleich einfach und gewaltig ist: Unsere besten und treuesten Freunde sind nicht immer die sichtbaren. Es gibt eine unsichtbare Wirklichkeit Gottes, die uns trägt, auch wenn wir sie nicht kontrollieren oder beweisen können. So wie man den Wind nicht sieht und doch spürt, dass er da ist. Die Engel stehen bei Martin Luther für Gottes Fürsorge in Bewegung. Sie sind nicht süße Deko am Himmel, sondern gewaltige und mächtige Boten seiner Treue. Darum sagt Martin Luther sinngemäß: Wenn ich schon im Alltag darauf vertrauen darf, dass Gott mich bewahrt, wie viel mehr dann auf dem letzten Weg, wenn ich ins Grab gehe.

Das ist doch ein großer Trost! Kein Mensch stirbt allein.

Lazarus ist zu Lebzeiten erschreckend allein. Er liegt vor der Tür des Reichen, krank, arm, übersehen. Keine Lobby, kein soziales Netz, keine Absicherung. Er ist einer von denen, an denen man vorbeischaut und nicht gerne bei sich haben möchte, weil sie nicht in die eigene schöne Tagesordnung passen. Aber gerade ihn vergisst Gott nicht. Als sein Leben endet, beginnt nicht das Nichts, sondern ein großer Empfang. Engel tragen ihn in „Abrahams Schoß“. Dieses alte Bild meint keine geografische Beschreibung des Jenseits, sondern Geborgenheit, Trost und Nähe bei Gott. Lazarus, der auf Erden keinen Platz hatte, bekommt bei Gott einen Platz ganz nah am Herzen.

Aber Lukas 16 ist nicht nur ein Trosttext. Es ist auch ein Warntext. Und das macht ihn so unbequem und so ehrlich. Denn Jesus erzählt die Geschichte nicht, damit wir nur über Engel reden und dabei den Rest vergessen. Der reiche Mann scheitert nämlich nicht einfach daran, dass er Besitz hat. Er scheitert daran, dass ihm der leidende Mensch vor seiner Tür gleichgültig wird. Zwischen seinem gedeckten Tisch und Lazarus’ Elend liegt nur ein paar Schritte Weg – und doch eine ganze Welt innerer Kälte.

Damit wird der zweite wichtige Gedanke dieses Textes klar, dass wer an Gottes unsichtbare Wirklichkeit glaubt, der darf vor der sichtbaren Not nicht die Augen schließen. Der Trost des Himmels macht nicht blind für das Leid der Erde, sondern hellwach dafür.
Christlicher Glaube ohne Barmherzigkeit wäre fromme Kulisse. Gott sieht den Übersehenen, den Verachteten und Benachteiligten. Und er fragt uns, ob wir ihn auch sehen.

Vielleicht liegt Lazarus heute nicht buchstäblich vor unserer Haustür, aber er taucht trotzdem auf. Z.B. als überforderte Kollegin, als alter einsamer Nachbar, als Geflüchteter im Wartezimmer der Behörden, als Mensch mit Depression, den andere schon müde wegtrösten. Manchmal ist Lazarus sogar in uns selbst. Der Teil, der wund ist, erschöpft, beschämt, hungrig nach Trost. Auch diesen Teil in uns sieht Gott.

Darum hält dieser Text Trost und Umkehr zusammen. Er sagt den Ängstlichen: Du bist nicht verlassen. Und er sagt den Satten: Schau hin. Höre auf Gottes Wort jetzt. Nicht irgendwann später. Der reiche Mann im Gleichnis möchte nachträglich noch Warnungen verschicken. Aber es ist zu spät und Abraham macht klar, was zu sagen ist, wurde bereits gesagt und die entscheidende Zeit des Hörens ist heute.

Christus gibt uns Vertrauen. Wer lebt, lebt vor Gott. Wer stirbt, stirbt nicht aus Gottes Blick. Daher ist der letzte Weg kein einsamer Sturz, sondern ein Weg unter Gottes Geleit. Wo Menschen nur bis zur Tür mitgehen können, trägt Gott weiter.

Vielen Dank fürs Lesen!

Dein Peter


Der Arme starb und wurde von den Engeln zu Abraham gebracht.

Lukas 16, 22